ZEIT ONLINE: Am 6. Mai stehen 13 Jahre New Labour zur Wahl. Drei Männer waren der Kern von New Labour: Tony Blair, Gordon Brown und Sie. Was hat Sie so lange zusammengehalten, ungeachtet der enormen Intensität, die Sie geteilt haben, auch der verletzten Gefühle? Wie kommt es, dass Sie sich immer wieder zusammengerauft haben?

Mandelson: Zum einen, weil wir es mussten – zum anderen, weil wir es wollten. Weil wir an etwas glaubten. Wir waren nicht die einzigen, die New Labour geschaffen haben, da kamen andere dazu. Aber wir drei waren immer an der vordersten Front. Wir mussten miteinander klarkommen, damit das Projekt funktionieren konnte. Und irgendwie taten wir das – und das Projekt auch.

ZEIT ONLINE: War das eine Sache zwischen Jungs, wenn Sie so wollen?

Mandelson: Nein, es war eine politische Sache. Da war eine absolute Überzeugung, dass Labour unsere Heimat ist. Dass wir es nicht würden ertragen können, sollte die Partei weiterhin Wahlen verlieren. Wir glaubten ganz im Gegenteil, dass noch große Aufgaben vor ihr lägen. Sie musste sich aber stark verändern, damit die Wähler ihr die Gelegenheit geben würden, ihre Arbeit zu tun.

ZEIT ONLINE: Das klingt jetzt sehr offiziell.

Mandelson: Nein ... das ist die grundlegende Wahrheit. Wir blieben Labour sehr verpflichtet, aber wir waren ohne Illusionen. Wir wussten – in meinem Fall seit 1985 und im Fall von Gordon und Tony später in den achtziger Jahren – wir wussten, dass die Werte von Labour und ihre modernisierten Politikangebote attraktiv und das Beste für das Land waren. Aber die Labour Party als Vehikel für diese Politik musste sich verändern. Die Leute vertrauten der Partei nicht, so sehr sie auch unsere Werte geteilt und unsere Politik gewünscht haben mögen. Man betrachtete uns als eine zersplitterte, eher rückwärts gewandte, nicht repräsentative Partei, die eher einen Teil der Bevölkerung als die ganze Nation ansprach. Ich habe das ziemlich schnell begriffen, als ich 1985 begann, als Direktor für Kampagnen und Kommunikation der Partei zu arbeiten. Alles, was ich seit diesem Tag getan habe, war darauf ausgerichtet, das Vehikel, die Partei zu verändern. Und davon habe ich nie abgelassen. Deshalb bin ich so populär.

ZEIT ONLINE: Viele Briten würden sagen: Das war der erfolgreiche Teil der Blair-Revolution. Und der ist jetzt vorbei. Sehen Sie das anders?

Mandelson: Ich glaube, an dieser Sichtweise ist falsch, dass sie das Offensichtliche übersieht.

ZEIT ONLINE: Das da wäre?

Mandelson: Die Finanzkrise, die Kreditklemme, die Rezession. Seit 2008 ist alles dieser Krise untergeordnet worden, ihren Auswirkungen und Folgen – und der Frage, wie man ihr am besten begegnen kann. Das hat unsere Politik und unsere Inhalte in einem außerordentlichen Maß dominiert. Nun stellt sich die Frage: Haben wir auf die Krise Antworten gefunden, wie sie New Labour entsprechen? Ich bin der Meinung, ja.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie diesen Ansatz definieren?

Mandelson: Ich denke, eine Regierung rechts von uns hätte nicht so mutig und schnell eingegriffen, um das Marktversagen auszugleichen. Und eine Regierung links von uns hätte gefolgert, dass Märkte falsch sind, Banken verstaatlicht werden müssen, dass das alles eine Konsequenz des Kapitalismus ist. Wir sind also weder für Laisser-faire, noch haben wir uns in Richtung Staatssozialismus bewegt. Wir sind Reformer, in anderen Worten, pragmatische Reformer. Aber unsere Priorität liegt darauf, das System im Interesse der Allgemeinheit zu verbessern und nicht im Interesse einer mächtigen Minderheit.