"Im Todesfall übernimmt der Parlamentsvorsitzende alle Amtsgeschäfte bis ein neuer Präsident gewählt wurde." So steht es sinngemäß in Artikel 131 der polnischen Verfassung. Dass die dürren Sätze einmal unter solch bitteren Umständen wie derzeit Bedeutung erlangen, haben sich die Autoren des Gesetzestextes sicher nicht ausgemalt.

Am Samstag war Lech Kaczyński, der polnische Präsident, im Wrack eines abgestürzten Flugzeugs gestorben, das ihn zu einer Gedenkveranstaltung bringen sollte – und mit ihm 97 Menschen. Viele davon waren verantwortliche Vertreter der polnischen Politik.

Kann die Gerechtigkeitspartei des getöteten Präsidenten den Verlust ihrer Führungsspitze verkraften? Womöglich wird das leichter als die Dramatik der vergangenen Tagen glauben macht: Mit dem politischen Alltagsgeschäft hatte der Präsident von Amts wegen kaum noch Berührung. Seit die Regierung seines Zwillingsbruders vor zwei Jahren an einer Reihe von Skandalen und endlosem Streit scheiterte, war seine Autorität vor allem ideeller Natur.

Davon abgesehen ist "Recht und Gerechtigkeit" durchaus bei Kräften: Sie stellt die zweitstärkste Fraktion im Parlament und ist mit ihren national-konservativen Werten gut in der Bevölkerung verankert. Zwei Faktoren bestimmen nun die Zukunft der Partei: Bruder Jarosław Kaczyński und ihre Fähigkeit, die erzwungene Erneuerung zuzulassen.

Der Zwillingsbruder des verunglückten Präsidenten hat sich noch nicht zu seinen Absichten geäußert. Doch ist es kaum vorstellbar, dass der kraftvolle Machtmensch nun kampflos das gemeinsame Lebenswerk anderen überlässt. Jaroslaw Kaczynski könnte zumindest erwägen, selbst für das Präsidentenamt zu kandidieren. Ein gewisser Mitleidseffekt wäre ihm sicher, doch ein Garant für eine erfolgreiche Wahlkampagne ist das nicht.

Klüger wäre es, er würde seinen politischen Instinkt dafür nutzen, die Partei in dieser schwierigen Phase zusammenzuhalten. In der zweiten und dritten Reihe verfügt "Recht und Gerechtigkeit" über vielversprechende Talente: Zbigniew Ziobro, der während der Regierung Kaczyński als Justizminister diente, ist so ein Mann – ein talentierter Vertreter von Recht und Ordnung, konservativ und erst 40 Jahre alt. In Brüssel warten Adam Bielan, Kaczyńskis Wahlkampfmanager 2005, und der ehemalige Vize-Außenminister Pawel Kowal auf eine zweite Chance. "Alle drei hätten nicht viel zu verlieren, träten sie gegen den Kandidaten der Bürgerplattform Bronislaw Komorowski an", sagt Stephan Raabe, Direktor der Warschauer Büros der Konrad Adenauer-Stiftung.

Sejm-Marschall Komorowski ist bis zur Wahl kommissarisches Staatsoberhaupt und zugleich der aussichtsreichste Kandidat für das Amt des Präsidenten. Regulär hätte die Wahl im Herbst stattgefunden, eine Umfrage vom Freitag bescheinigte Komorowski einen Vorsprung von zehn Prozent vor Lech Kaczyński. Jerzy Szmajdzinski, Kandidat der Linken, wäre auf fünf Prozent der Stimmen gekommen. Auch er saß in der Unglücksmaschine.

Dass die Wahl nun um einige Monate vorgezogen wird, schmälert die Aussichten Komorowskis nicht, er hat den erfolgreichen Premier Donald Tusk hinter sich. Diesem gelang es, Polen als einziges Land Europas mit einem Wirtschaftswachstum durch das Krisenjahr 2009 zu navigieren und die Beziehungen zu Deutschland und Russland zu entspannen. Ihm und den Kaczyński-Brüdern ist es gleichermaßen zu verdanken, dass aus Polens chaotischem Vielparteiensystem binnen weniger Jahre eine Vierparteiendemokratie geworden, die von den politischen Schwergewichten "Recht und Gerechtigkeit" und Tusks "Bürgerplattform" dominiert wird.

So gesehen sollte auch Donald Tusk ein Interesse daran haben, dass die Kaczyński-Partei diese Krise meistert. Sie hat mit ihrer Dominanz im konservativen Spektrum dafür gesorgt, dass rechte Populisten wie Roman Giertych von der Bildfläche verschwunden sind.

Das Erfolgsrezept in diesem Jahr könnte lauten: Moderieren statt durchregieren. Polnische Journalisten und Politologen erwarten einen ruhigen und besonnenen Wahlkampf. Ein Bezirksvorsitzender der Bürgerplattform wurde gar mit dem Vorschlag zitiert, einen gemeinsamen Kandidaten beider Parteien für die Präsidentschaftswahl aufzustellen. So weit wird es nicht kommen, aber die Katastrophe von Smolensk wird dafür sorgen, dass "die alten Messer nicht wieder herausgeholt werden" – sagt Polen-Kenner Raabe.