Am Montag wollte Cordula Kalmbach in der Krakauer Bibliothek Bücher über das Massaker von Katyn abholen. "Eigentlich wollte ich zwei Monate mit den Beständen der Jagiellonen-Universität arbeiten, aber nun ist alles anders", sagt die Historikerin der Universität Freiburg, die über die polnische Erinnerungskultur promoviert.

Der Flugzeugabsturz der polnischen Regierungsmaschine im russischen Smolensk, bei dem Präsident Lech Kaczyński und 87 weitere wichtige Vertreter der polnischen Gesellschaft tödlich verunglückten, veränderte Kalmbachs Forschungsvorhaben innerhalb weniger Stunden. "Das symbolische gemeinsame Gedenken von Wladimir Putin und Donald Tusk am vergangenen Mittwoch sollte ein positives Schlusskapitel in meiner Dissertation eröffnen", erzählt die 26-jährige Forscherin.

Dieser Handschlag der beiden Ministerpräsidenten aus Russland und Polen war eine historische Versöhnungsgeste. Er sollte einen neuen Anfang machen in der 70 Jahre währenden Auseinandersetzung um die gemeinsame Geschichte, um die Ermordung Tausender polnischer Offiziere und Intellektueller in den russischen Wäldern durch Stalins Schergen 1940. Doch dieser Beginn eines offenen russisch-polnischen Dialogs über die Verbrechen von Katyn wurde nun überschattet vom Ausmaß der neuen Katastrophe.

Es war vor allem die konservative Elite Polens, welche an der Seite ihres Präsidenten unterwegs nach Smolensk war, um von dort aus zu einer Trauerfeier für die Opfer der stalinistischen Erschießungen aufzubrechen. Mit Kaczyński reiste hier einer der schärfsten Kritiker Russlands in Europa an. Noch während der Erinnerung an den 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen auf der Westerplatte bei Danzig im vergangenen September sagte der Präsident in Anwesenheit Putins, damals habe Polen durch das "bolschewistische Russland" einen "Messerstich in den Rücken" erhalten. Als die polnischen Soldaten den deutschen Angreifern noch Widerstand leisteten, sagte Kaczyński, sei die Rote Armee am 17. September 1939 in Ostpolen einmarschiert.

Kaczyński war zu dem Treffen von Putin und Tusk in Katyn nicht geladen worden. Deshalb hatte er schon früh beschlossen, selbst zu reisen. "Katyn ist ein zentraler polnischer Erinnerungsort. Gerade weil die sowjetische Propaganda versucht hatte, den Mord als deutsche Greueltat hinzustellen und das Verbrechen Stalins noch lange nach Kriegsende im kommunistischen Polen ein Tabu war, ist es so wichtig für das nationale Selbstverständnis geworden", erklärt Kalmbach.

Es ist die Macht dieses Symbols, welche die polnischen Bürger in diesen Tagen neben den Verlust der vielen Menschenleben so tief bewegt. "Heute ist einer der wenigen Tage im post-kommunistischen Polen, an denen wirklich alle Läden geschlossen sind - und das, obwohl die Straßen voller Menschen sind. Das war das letzte Mal beim Tod von Johannes Paul II. der Fall", sagt Kalmbach.

Vor fünf Jahren war die Nachwuchswissenschaftlerin schon einmal nach Krakau gekommen, gerade zu jener Zeit, als der damalige Papst im Sterben lag. Doch die Stimmung sei heute anders als damals. "2005 war es ein langsamer Abschied. Der öffentliche Prozess des Sterbens des polnischen Papstes gab die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Heute ist die Stimmung sehr dunkel. Das öffentliche Leben ist vor allem von Verstörung geprägt."