"Ich kann gar nicht reden, so eine Tragödie ist das." Jolanta weint. Die Krankenschwester aus Skarżysko Kamienna, einem Städtchen im Südosten Polens, wollte gerade ihren 30. Hochzeitstag feiern. Dann kam die Nachricht im Fernsehen. "Ich bin zuerst in die Kirche gegangen und habe gebetet." Sprechen kann sie kaum. "Mir fehlen einfach die Worte."

"Seit Katyn ist das die schlimmste Katastrophe für Polen", sagt Jolanta. Vier Tage ist es her, dass 96 Menschen im russischen Smolensk starben: Der polnische Präsident Lech Kaczyński mit seiner Frau Maria, Generalstabschef Franciszek Gagor, der Chef der Zentralbank Sławomir Skrzypek, drei stellvertretende Parlamentspräsidenten, die Chefs der polnischen Birthler-Behörde und des Nationalen Olympischen Komitees, ein Bischof und mehrere Geistliche.

Polen wollte der Toten von Katyn gedenken und muss jetzt um die Toten von Smolensk trauern. "Ich komme jeden Tag hierher und werde das bis zum Ende der Trauerwoche tun", sagt Barbara S. und zündet in der Chmielnastraße im Zentrum Warschaus eine Kerze für die Opfer an.

Täglich versammeln sich die Menschen vor dem Präsidentenpalast. Sie singen Schwarze Madonna und andere Kirchenlieder, auch die polnische Nationalhymne Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben. Alte Frauen halten Rosenkränze in den Händen, die Männer polnische Flaggen. Eine Gruppe von Studenten huldigt den Opfern und zeigt Fotos der Verstorbenen. Auffallend viele Kinder und Jugendliche sind unterwegs, ganze Familien kommen. Viele laufen von einer Ecke in die andere, warten auf neue Nachrichten. Die Leiche der Maria Kaczyńska ist eben eingetroffen.

"Es ist ein Moment der nationalen Einheit und ein unglaublicher Verlust", sagt ein Passant in der Straße Nowy Świat (Neue Welt), im Zentrum der Hauptstadt. Menschen knien an den Straßenrändern. Unter der Überschrift "Habt Mut, für die Liebe zu leben" werden Spenden gesammelt. Pfadfinder halten Wache. "Ich freue mich, dass ich hier helfen kann und nicht vor dem Fernsehen hocke", sagt eine junge Pfadfinderin. Es ist stiller als sonst. Die Menschen umarmen sich. In der Kirche der Heiligen Anna wird die Gottesmutter Maria angerufen. "Habe Barmherzigkeit mit uns und der ganzen Welt."