Am 1. Mai beginnt in Shanghai die Expo 2010. Sie wird die Stadt in das internationale Rampenlicht rücken, so wie es die Olympischen Spiele 2008 mit Peking getan haben. Einmal mehr wird damit deutlich, dass sich Shanghai in den zwanzig Jahren seit der Schaffung der Sonderwirtschaftszone Pudong zu einer internationalen Metropole vergleichbar mit New York, Paris, London oder Tokio gemausert hat.

Obwohl die spannendsten Veränderungen in Shanghai seither in Pudong am Ostufer des Huangpu stattgefunden haben, gibt es im alten Teil Shanghais ein Gebäude, das noch immer hervorsticht: Shanghai Mansion. Gebaut in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, liegt es zentral unweit vom berühmten Bund und fällt wegen seiner besonderen Architektur ins Auge. Es erinnert frappierend an den Film Metropolis von Fritz Lang aus dem Jahr 1927.

Es ist natürlich Zufall, dass die rekonstruierte Version des Films genau in dem Jahr in die Kinos gekommen ist, in dem die Shanghai Expo stattfindet. Doch die Botschaften, die er vermittelt, haben Parallelen zu Chinas Großstädten heute. Der Film zeigt eine zur Zeit seiner Produktion futuristische Stadt, mit Hochhäusern sowie in mehreren Ebenen gestapelten, mehrspurigen Autostraßen. Fritz Lang nahm sogar die von Fußgängern leergefegten Straßen und die notorischen Staus vorweg. Während die Reichen und Schönen den Luxus der sogenannten Oberstadt genießen, wird das System durch die Arbeiter in der unterirdischen Unterstadt am Leben gehalten, deren Arbeitstakt durch die Maschinen vorgegeben wird. Das Leben vieler Arbeiter wird hier geopfert, damit die Oberstadt pulsiert.

Besonders die chinesischen Städte Shanghai und Kanton haben sich heute bereits in Kopien von Metropolis verwandelt. Die erste auf Säulen gebaute Schnellstraße durch Kanton entstand schon in den 1980er Jahren. Heute sind mehrspurige und mehrstöckige Schnellstraßen ein wichtiger Bestandteil der städtischen Infrastruktur vieler chinesischer Städte. Chinas Automobilmarkt ist inzwischen der größte der Welt. Während chinesische Besucher in westlichen Ländern sich in den 1980er Jahren noch wunderten, dass es in den Städten mehr Autos als Menschen zu geben schien, so entsteht dieser Eindruck heute auch, wenn man durch die Hauptstraßen chinesischer Großstädte fährt. Verkehrsstaus gehören zum Alltag. Außerdem sind chinesische Städte, und ganz besonders Shanghai, Orte voller Hochhäuser und futuristischer, zum Teil gewagter Architektur. Die Silhouette von Pudong ist hierfür ein beredtes Beispiel.

Gleichzeitig wurde China in den letzten Jahren die "Fabrik der Welt", eine Bezeichnung, die sich auf seine beispiellose Rolle in den globalen Produktions- und Handelsnetzen bezieht. Die Konzentration auf arbeitsintensive, exportorientierte Produktion gilt gemeinhin als wesentlicher Faktor des chinesischen Wirtschaftserfolges. Das wenig geheime Rezept hinter dieser Erfolgsgeschichte sind unter anderem die Millionen von Wanderarbeitern, die bereit sind, für geringe Löhne lange und hart zu arbeiten, und dafür zeitlich begrenzt unter einfachen Bedingungen in speziellen Behausungen für Fabrikarbeiter zu wohnen. Diese Wanderarbeiter genießen in der Regel nicht die gleichen Rechte wie die städtischen Bürger und müssen die Stadt wieder verlassen, sobald sie länger ohne Job sind. In Assoziation zur Situation der Arbeiter in Metropolis leben und produzieren sie in der Unterstadt.

Diese Fabrik der Welt hat viel zum globalen Konsum und Wohlstand wie auch zur spektakulären Verwandlung chinesischer Städte in Metropolen beigesteuert. Aber wird das auch in der Zukunft so sein? In Fritz Langs Film kollabiert das System infolge von Arbeiterprotesten, eines einsichtigen und mitfühlenden jungen Vertreters der reichen Elite und einer Liebesgeschichte. In China sind sich sowohl die Wanderarbeiter wie auch die politischen Entscheidungsträger in jüngerer Zeit verstärkt der gesellschaftlichen Probleme bewusst geworden, die mit dem bisherigen Wachstumsmodell einhergehen. Während erstere weniger bereit sind, Niedrigstlöhne zu akzeptieren und zugleich nach mehr Bürgerrechten verlangen, suchen letztere nach einem neuen Wachstumsmodell, nach Sozialversicherungssystemen und Ansätzen zur Ausdehnung der Bürgerrechte der Wanderarbeiter. Sie möchten die gesellschaftliche Stabilität sichern, ohne die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte oder den Lebensstandard der heutigen wirtschaftlichen und politischen Elite zu gefährden.

Vor diesem Hintergrund gewinnt das zentrale Motto der Shanghai Expo, die in der nächsten Woche beginnt, eine besondere Bedeutung: "Bessere Stadt, besseres Leben" – "Better City, Better Life", oder auch "Stadt, mach das Leben schöner!", wenn man die chinesische Version des Mottos übersetzt. Es gehört zur Tradition der Weltausstellungen, dass sie künstlerische und technische Pionierleistungen der Architektur ausstellen, sowohl in Form extravaganter Pavillons als auch durch Präsentationen in den Pavillons, die entsprechende Entwicklungen in den verschiedenen Ländern vorstellen. Es wird erwartet, dass die Shanghai Expo alle vorangegangenen, hinsichtlich der teilnehmenden Länder, insbesondere Entwicklungsländer, ebenso übertreffen wird wie in der Extravaganz der Pavillons. Auch die erwartete Zahl von 70 Millionen Besuchern würde jede bisherige Expo übertreffen.