Erschlagen, erschossen, oder mit durchschnittener Kehle in Gräber gestoßen – den ersten Zeugenaussagen im Völkermordprozess gegen Radovan Karadžić zufolge haben dessen Befehlsempfänger im Bosnienkrieg grauenhafte Taten an muslimischen Gefangenen begangen. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag verlas die Schilderung des in bosnisch-serbischen Lagern inhaftierten Ahmet Zulić, der einen Sturm auf sein Heimatdorf Mahala und brutale Übergriffen in Haft erlebte. Danach nahm Karadžić den Mann ins Kreuzverhör.

Zulić sagte aus, sein altersschwacher Schwiegervater sei 1992 während eines Angriffs bosnischer Serben auf das muslimische Mahala bei lebendigem Leib verbrannt worden. Zudem schilderte der heute 62-Jährige von etlichen anderen grauenhaften Verbrechen, für die Karadžić als damaliger Präsident der bosnischen Serbenrepublik Verantwortung tragen soll.

Seiner Schilderung zufolge wurde Zulić kurz nach dem Überfall festgenommen und in ein serbisches Gefangenenlager in Sanski Most gebracht. Dort sei er in einer Garage ohne Toiletten festgehalten und brutal geschlagen worden. "Ich hatte Knochenbrüche, gebrochene Rippen", hieß es in seiner Aussage, "einmal sind sie mir auf die Hände getreten und haben mir die Finger gebrochen". Medizinische Versorgung habe er nicht erhalten. "Ein Mann hat uns mit einem Stock bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen."

Zulić sagte weiter, er habe beobachtet, wie in dem Gefangenenlager im Nordwesten Bosniens 20 muslimische Männer gezwungen wurden, ihre eigenen Gräber zu schaufeln. "Dann schnitten sie ihnen die Kehlen durch oder töteten sie durch Schüsse." Er sei wenig später in ein anderes Lager gebracht worden. Auf dem Weg seien zahlreiche Menschen erstickt und verdurstet. In der anschließenden Haft wurde Zulić seiner Aussage zufolge erneut geschlagen und verlor bis zu einer Befreiung im November 1992 etwa 35 Kilogramm. Er selbst habe nur überlebt, weil Russland schließlich bei der serbischen Führung intervenierte, nachdem Bilder von halbverhungerten muslimischen Gefangenen um die Welt gingen.

Der Zeuge hatte auch schon im Prozess gegen den früheren serbischen Präsidenten Slobodan Milošević ausgesagt, der im März 2006 im Untersuchungsgefängnis des Jugoslawien-Tribunals in Scheveningen starb.

Der Angeklagte Karadžić, der sich in Den Haag selbst verteidigt, zeigte während der Schilderung Zulić’ keine Regung und versuchte anschließend, den Ex-Häftling in Widersprüche zu verwickeln. Immer wieder fragte er ihn nach politischen Vorgängen in Bosnien sowie militärischen Gruppierungen bosnischer Muslime. Zulić sagte mehrfach, er sei niemals politisch aktiv gewesen und habe keiner Partei angehört. "Er will mich austricksen", sagte der Zeuge.

Richter O-Gon Kwon ermahnte Karadžić mehrfach, sachbezogene Fragen zu stellen. "Der Verteidigung geht es nur um die Wahrheit", sagte der Angeklagte.

Karadžić werden in elf Fällen Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkrieges 1992-1995 vorgeworfen. Zu den Hauptanklagepunkten gehört die mutmaßliche Verantwortung für den Völkermord an etwa 8000 Muslimen in der UN-Schutzzone Srebrenica durch bosnisch-serbische Truppen im Juli 1995. Ihm wird auch die 44 Monate andauernde Belagerung und der Beschuss Sarajevos durch Scharfschützen zur Last gelegt, wodurch fast 11.000 Zivilisten umkamen, unter ihnen 1600 Kinder.

Der Ex-Präsident, der im Juli 2008 nach 13-jähriger Flucht in Belgrad festgenommen wurde, hatte die Vorwürfe als "fabrizierte Lügen" zurückgewiesen. Den Beginn seines Prozesses im Oktober hatte Karadžić boykottiert und dies unter anderem damit begründet, dass ihm nicht genug Zeit für das Aktenstudium gegeben worden sei. Den Völkermord von Srebrenica bezeichnete er dann in seiner Eröffnungserklärung als "Mythos". Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe. Für ihre Beweisführung und die Anhörung von möglicherweise mehr als 400 Zeugen hat die Staatsanwaltschaft von den Richtern mehrere Monate Zeit bekommen.