Ihre Forderungen sind kompromisslos: Sie wollen, dass das Parlament aufgelöst wird und dass der thailändische Premier Abhisit das Land verlässt. Die Rothemden-Opposition demonstriert dafür seit Wochen bereits, am Wochenende kam es nun zu den schwersten politischen Ausschreitungen seit 18 Jahren, mindestens 21 Menschen kamen ums Leben, an die 900 wurden bei den Unruhen in der Hauptstadt Bangkok und Umgebung verletzt. Erstmals seit Beginn der Proteste gingen die Sicherheitskräfte mit Waffengewalt gegen die Demonstranten vor.

Was ist hier geschehen? Wer sind die Rothemden, die sich offiziell "Vereinigte Front für Demokratie und gegen Diktatur" nennen? Ihre Fraktion war 2001 erstmals an die Regierung gekommen, mit dem schwerreichen Kaufmann Thaksin aus der nordthailändischen Stadt Chiang Mai an der Spitze. Thaksin hatte sich bei Wahlen gegen die Dauerherrschaft der Staatselite aus Bangkok durchgesetzt. Diese setzt sich zusammen aus königstreuen Militärs, Beamten und Geschäftsleuten und bestimmte bis dahin die politische Agenda des Landes. Thaksin jedoch eroberte im Wahlkampf entscheidende Stimmen bei der armen Landbevölkerung im stark besiedelten Norden und Nordostens Thailands.

Er ist ein Populist und regierte auch autoritär, verschaffte den Bauern jedoch Zugang zu Mikrokrediten und führte eine bezahlbare Krankenversicherung ein. Gleichzeitig war er korrupt; ein allgemeines Problem thailändischer Politik. Der Opposition mit ihren guten Kontakten zur Justiz verschaffte das Gelegenheit, gegen Thaksin vorzugehen. Das Militär putschte, er musste das Land verlassen. Die nach dem Putsch vom Militär eingesetzte Regierung sah ihre wichtigste Aufgabe darin, das "System Thaksin" abzuwickeln. Eilig wurde eine neue Verfassung durchgesetzt. Als bei der darauf folgenden Wahl das Thaksin-Lager abermals mit deutlicher Mehrheit gewann, schickte man die Gerichte vor: Der Ministerpräsident wurde wegen einer Lappalie seines Amtes enthoben und später die gesamte Thaksin-Partei gerichtlich verboten. Neuer Regierungschef wurde der heutige Premier Abhisit.

In der Folge wuchs bei vielen Thailändern der Eindruck, die Politik ihres Landes werde aus dem Hintergrund von der royalistisch-konservativen Elite gesteuert. Das brachte Thaksin-Anhänger mit Demokratieaktivisten zusammen: Jetzt ging es nicht mehr um Thaksin als Person, es ging ums Prinzip.

Die heutige Rothemden-Opposition betrachtet die Regierung Abhisit, als unrechtmäßig. Und nachdem Thaksin Ende Februar einen großen Teil seines Vermögens bei einem Korruptionsprozess verlor, gingen die Rothemden wieder auf die Straße. Von der thailändischen Presse werden sie jedoch bestenfalls als naive Bauerntölpel dargestellt, die von Thaksins "populistischen Programmen" geködert wurden und sich "ihren Helden" zurückwünschen; schlimmstenfalls bezichtigt man sie, sie seien von Thaksin bezahlte Schlägertrupps.

Die Ignoranz der thailändischen Eliten, die hier zum Ausdruck kommt und die den Demonstranten jede politische Urteilskraft abspricht, hat die Rothemden jedoch erst entstehen lassen. Am Anfang waren es nur eine Handvoll Intellektuelle, die im Herbst 2006 gegen den Putsch gegen Thaksin demonstrierten. Im Angesicht der Panzer war ihre Aktion mutig, aber nicht geeignet, viele Menschen zu mobilisieren. Bangkok war geprägt von den Gelbhemden, die – ebenfalls unter dem Banner der Demokratie – wochenlang gegen Thaksins autoritäre Regierung demonstriert hatten. Mit dem Putsch hingegen arrangierten sich die Gelben schnell. "Wir hätten den Diktator Thaksin nicht alleine stürzen können", lautete die Rechtfertigung.

Die Bewegung, die nun entstand, organisierte sich in vielen kleinen Zirkeln. Oft sind es Frauen ab vierzig, die sich beispielsweise bei der Kioskbetreiberin im Erdgeschoss ihres Wohnblocks treffen. Man schaut den roten Kanal, jenen der Thaksin-Opposition, debattiert über die aktuellen politischen Entwicklungen und wenn es eine Demonstration gibt, fährt man mit dem Pick-Up dorthin. Ähnlich wirken die kleinen Nachbarschafts-Radiosender. Mit einer Reichweite von nur wenigen Hundert Metern und ehrenamtlichen Moderatoren und DJs erreichen sie lediglich einige Dutzend, maximal wenige Hundert Menschen. Aber sie konterkarieren die Darstellung, das alles sei von Thaksin inszeniert.