Dem sozialistischen Ölland geht der Strom aus – Seite 1

Auf seinem Schreibtisch hat Jesus Sucre Fischdosen gestapelt. "Thunfisch", "Sardinen", "Holzmakrelen" steht auf den bunten Etiketten in Spanisch geschrieben. Sucre ist Besitzer und Präsident von Isalca, einem mittelständischen Fischverarbeiter in der ostvenezolanischen Küstenstadt Carúpano. 120 Tonnen Fisch verarbeitet das Familienunternehmen in Normalzeiten am Tag. Momentan schafft es nur 30 Tonnen.

Der Grund: Dem Ölland Venezuela geht der Strom aus. Der linkspopulistische Staatschef Hugo Chávez hat den Energienotstand ausgerufen. Und rationierte den Strom – für Privathaushalte wie für Industriebetriebe. Im ganzen Land gehen jeden zweiten Tag je nach Ort für drei bis sechs Stunden die Lichter aus.

Unternehmer Sucre hat sich einen riesigen Dieselgenerator gekauft, mit dem sich seine Firma vom staatlichen Stromnetz abkoppeln kann. Was er nicht voraussah: Die Firma, von der er die Blechdosen bezieht, fuhr wegen der Stromsperren die Produktion herunter. Sucre hat nun reichlich Fisch auf Lager, aber keine Behältnisse mehr. In der Fabrikhalle, in der in weiße Schürzen gekleidete Frauen den Fisch in die Dosen stopfen, stehen fünf von sechs Fließbändern still. 50 Mitarbeiter schickte Isalca nach Hause.

Venezuelas Haupstadt Caracas blieb von den landesweiten Stromsperren bislang verschont. Vor allem deshalb, weil wütende Bürger der 6-Millionen-Metropole auf die Straße gingen. Die Regierung ließ sich etwas anderes einfallen: Sie schrieb alle Unternehmen im Haupstadtdistrikt an und forderte sie auf, 20 Prozent ihres Stromkonsums zu senken. Die größten "Stromsünder", die diese Marke nicht einhielten, mussten einen Tag lang zwangsschließen.

Der Unternehmerverband Fedecamaras schlug als Alternative einen zusätzlichen wöchentlichen Ruhetag vor, an dem die Mitarbeiter zu Hause bleiben. Die Verluste schätzt Fedecamaras-Chef Noel Álvarez auf 2,56 Milliarden Bolivares Fuertes (rund 595 Millionen Euro) am Tag.

Wie der produktive Sektor leidet die gesamte Bevölkerung Venezuelas. Mittagszeit in Cariaco, einem verschlafenen Städtchen etwa eine halbe Stunde von Carúpano gelegen. Pünktlich um zwölf Uhr mittags gehen die Lichter aus. Der Fernseher schaltet auf Schwarz. Gladys Jofre ist nicht überrascht. "So geht das bei uns jeden zweiten Tag", sagt die pensionierte Ex-Lehrerin. Die Pumpen in dem Stausee, aus dem Cariaco sein Wasser bezieht, werden elektrisch betrieben. Wenn der Strom ausfällt, fließt auch kein Tropfen Wasser mehr in Gladys Haus.

"Wir sammeln vorher das Wasser in Töpfen und anderen Behältern", sagt die Hausfrau. "Aber klar, Du kannst kein elektrisches Gerät benutzen, Computer und Fernseher funktionieren nicht. Es ist dann wie ein verlorener Tag, an dem alle Aktivitäten stillstehen."

Venezuela deckt 70 Prozent seines Strombedarfs aus den Kraftwerken an dem riesigen Stausee Guri im südlichen Bundesstaat Bolivar. Neben dem Wasser verfügt das Land über mehr als ausreichend Öl- und Gasvorräte, Wind und Sonne. Wieso also die Energiekrise? Staatschef Chávez schiebt El Nino den Schwarzen Peter zu: Das Klimaphänomen habe eine Dürreperiode in Venezuela verursacht. Guri sei überlastet, argumentiert Chávez.

Die Fachleute kann er damit nicht überzeugen. Sie sehen die Krise als hausgemacht an. "Guri hat bei normaler Auslastung genügend Wasser für drei Dürrejahre", sagt José Manuel Aller, Spezialist für Energietechnik an der Universität Simon Bolivar in Caracas. "Das Problem ist, dass die Regierung seit acht Jahren nicht in alternative Kraftwerke investiert und die bestehende Infrastruktur nicht gewartet hat", sagt Aller.

Ein besonders abschreckendes Beispiel ist das Gaskraftwerk Planta Centro im Bundesstaat Carabobo, das statt geplanter 2000 Megawatt nur 700 Megawatt bereitstellt. "Seit sieben Jahren wird versucht, eine der Turbinen zu reparieren. Zum Vergleich: Der Bau des Kraftwerks hat gerade mal drei Jahre gebraucht." Die Heizöl- und Gaskraftwerke, nach der Wasserkraft zweite wichtige Stromquelle Venezuelas, sind so heruntergekommen, dass sie 2008 gerade noch 62 Prozent ihrer ursprünglichen Kapazität lieferten.

Offiziell habe die Regierung Chávez seit ihrem Machtantritt 1999 35 Milliarden Dollar in das Stromnetz gesteckt. "Doch die Bauten existieren nicht. Wir wissen schlichtweg nicht, was mit dem Geld passiert ist", sagt Aller. "Venezuela gehörte im Bereich der Stromversorgung bis Mitte der neunziger Jahre zur internationalen Spitze. Heute liegen wir dagegen auf einem Niveau mit Ländern der Dritten Welt."

Für Chávez kommt der Notstand im Energiesektor zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Seine Popularität sinkt. Im September wird ein neues Parlament gewählt. Seine sozialistische Einheitspartei PSUV muss um ihre absolute Mehrheit bangen.

In der Not kauft Chávez sogar beim Klassenfeind USA

Der Notstand hätte bereits 2008 ausgerufen werden müssen, als die heimischen Stromversorger erstmals nicht mehr die Nachfrage decken konnten, sagt Aller. Die Regierung habe aber stattdessen das Problem versteckt, indem sie in verschiedenen Landesteilen ohne Bekanntmachung immer wieder den Strom abschaltete und so die Bevölkerung einer inoffiziellen Rationierung unterwarf. Erst als Experten sich zu Wort meldeten, habe Chávez die Krise öffentlich eingestanden, kritisiert Aller.

Nach dem Machtwort des Präsidenten grast die venezolanische Regierung den Weltmarkt nach sofort verfügbaren Kraftwerken ab. Und kauft, wenn es sein muss, auch beim Klassenfeind. Der US-Gigant General Electric wird zwei Wärmekraftwerke im Wert von 600 Millionen Dollar liefern mit einer Leistung von jeweils 160 Megawatt, die innerhalb von nur zwei Jahren ans Netz gehen können. Kuba hat Dutzende von mit Diesel betriebenen Mini-Kraftwerken geschickt, die in einen Container passen und quasi über Nacht betriebsbereit sind.

Die staatlich verordneten Stromabschaltungen für die privaten Haushalte entpuppen sich freilich als Aktionismus. "Die Rationierung hilft nicht, Energie zu sparen. Stattdessen verlagert sich der Verbrauch auf die Stunden, in denen der Strom lauft", sagt Aller.

Sogar die Osterferien verlängerte Chávez um drei Tage, angeblich um den Stromverbrauch zu reduzieren. Sein Ziel, die Krise noch vor der Wahl im September aus der Welt zu schaffen, wird er freilich nicht erreichen. Die Venezolaner müssen sich 2011 sogar auf noch mehr Stromausfälle einstellen. "Dieses Jahr war noch nicht das schlimmste", sagt Aller. "Die Krise wird sich nächstes Jahr noch verstärken, denn die von der Regierung versprochenen Investitionen werden frühestens Ende 2012 umgesetzt sein."

Immer mehr Venezolaner wie Gladys Jofre fühlen sich an die Lebensumstände auf Kuba erinnert, wo der neue starke Mann Raúl Castro im vergangenen Jahr den Strom bis zu fünf Stunden täglich abschalten ließ.

Und noch in einem anderen Punkt verdeutlicht die Energiekrise, wie die Verhältnisse in Venezuela sich immer mehr der kommunistisch regierten Karibikinsel angleichen: Anders als Fischunternehmer Jesus Sucre wollten andere Betriebe keine Anfragen zum Thema beantworten. Sie fürchten die Repressalien des Staates.