Im Wahlkampf der vergangenen Wochen hatten sich Großbritanniens Politiker oft und gerne des Wortes change , Wandel, bedient, dessen Dominanz im politischen Diskurs natürlich auf Barack Obama zurückgeht. Es bleibt dahingestellt, ob der Wunsch nach Wandel tatsächlich immer innerer Überzeugung entsprach. Doch jetzt ist der Wandel da. In Großbritannien brechen neue Zeiten an. Allein schon die Tatsache einer Koalitionsregierung aus Konservativen und Liberaldemokraten, Libdems genannt, ist ein politisches Novum, höchst gewöhnungsbedürftig für beide Parteien. Zugleich zeichnen sich Veränderungen ab, die das politische System des Landes wie auch die Inhalte der Politik selbst betreffen.

Die Wahl im Mai 2010 könnte sich als markante Zäsur der britischen Nachkriegsgeschichte erweisen, ähnlich einschneidend wie die des Jahres 1945, als unter der Labour-Regierung der britische Wohlfahrtsstaat geboren wurde, oder 1979, der Geburtsstunde des Thatcherismus. Das vertraute Kaleidoskop britischer Politik zerbricht. Aus den Trümmern der alten Ordnung aber entsteht nicht nur eine neue Ära der Koalitionspolitik, mit der weder Wähler noch Politiker vertraut sind. Es zeichnen sich langfristig die Konturen einer Neuordnung der gesamten politischen Landschaft ab.

Gewiss stimmt es, dass es de facto keine Alternative zu dieser Regierungskonstellation gab. Die Konservativen hätten eine Minderheitsregierung gebildet, wären die Libdems nicht ins Koalitionsbett mit ihnen gestiegen. Der verzweifelte Versuch prominenter Liberaldemokraten und Labour-Politiker, angeführt von Peter Mandelson, in letzter Minute doch noch ein Arrangement zwischen Tories und Libdems zu verhindern, in der Hoffnung, ihre Vision einer "progressiven Allianz" zu verwirklichen, war zum Scheitern verurteilt.

Schon die Arithmetik stimmte nicht. Herausgekommen wäre eine instabile Konstruktion, abhängig von einer Regenbogenallianz aus schottischen, walisischen und nordirischen Parteien mit Sonderinteressen. Die Stabilität, die Großbritannien angesichts stürmischer wirtschaftlicher und finanzieller Zeiten dringend braucht, wäre nicht geschaffen worden. Auch hätte eine solche Konstellation gegen den ausgeprägten Sinn der Briten für Fairness verstoßen.

Es spricht für die politische Reife von Labour, dass sich in der Partei rasch eine Phalanx von Politikern formierte, die eine Koalition der Verlierer strikt ablehnte und betonte, dass ihre Partei der Regeneration in der Opposition bedürfe. Das war zweifellos die richtige Entscheidung, selbst wenn der Hintergedanke mit im Spiel war, dass es taktisch klüger ist, die erste Phase nationaler Sparpolitik mit brutalen Einschnitten für alle Bereiche in der Opposition zu verharren und unpopuläre Kürzungen staatlicher Ausgaben, die unverzüglich beginnen werden, lieber Konservativen und Liberaldemokraten zu überlassen. In der Tat macht dies Sinn: Eine vernünftig aufgestellte, programmatisch erneuerte und personell attraktive Labour-Partei darf damit rechnen, nach vielleicht schon einer Regierungsperiode wieder die Macht zu erringen. Das Wahlresultat war zwar nicht begeisternd, doch erbrachte es mit knapp dreißig Prozents eine solide Basis für eine Erholung.

Tory-Chef David Cameron aber ist es mit der Bildung dieser Koalition gelungen, eine tödliche Gefahr für seine Konservativen zu bannen. Rechnerisch existiert in Großbritannien schon seit geraumer Zeit eine antikonservative Mehrheit. Selbst auf dem Höhepunkt konservativer Popularität in den 80er Jahren stimmte eine absolute Mehrheit der Wähler regelmäßig für Labour und Liberale, wenn auch nicht unbedingt für einen Pakt zwischen ihnen. Genau das wiederholte sich bei dieser Wahl.

Gewiss ist es falsch, aus dem rechnerischen Übergewicht eine nahtlose politisch-ideologische Übereinstimmung der beiden Parteien und ihrer Wähler abzuleiten. Als Partei stellen die Libdems eine eigenartiges Mischung dar, aus eher sozialdemokratisch orientierten Zeitgenossen, aus angegrünten Bürgerlichen, gerne als "Brigade der Sandalen- und Bartträger" bespöttelt, und aus Wigs , den klassischen Liberalen des 19. Jahrhunderts, die zuviel Staat stets mit Skepsis beäugten. Doch insgesamt betrachtet, tendiert die Mehrheit der Liberaldemokraten wie auch ihrer Wähler eher nach links und tendiert zu wohlmeinenden, oft allerdings unrealistischen, wenn nicht naiven Positionen. Die Abneigung der Libdems gegen Trident, die nationale, atomare Abschreckungsmacht des Landes, erinnert an die Pläne der weit nach links gerutschten Labourparty in den 80er Jahren, die die Partei damals unwählbar gemacht hatte.