Angesichts des israelischen Einsatzes gegen die internationale Hilfsflotte für den Gaza-Streifen hat der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan Israel des Staatsterrorismus bezichtigt. "Es soll deutlich werden, dass wir nicht ruhig und teilnahmslos angesichts dieses inhumanen Staatsterrorismus bleiben werden", sagte er vor seiner Abreise aus Chile in die Türkei. "Internationales Recht wurde mit Füßen getreten." Die israelische Marine habe angegriffen, obwohl das Schiff die weiße Flagge gezeigt habe, sagte Erdoğan. Auf dem Schiff seien nur Hilfsgüter geladen gewesen und sei vorher kontrolliert worden.

Die umstrittene Militäraktion beschäftigt auch den UN-Sicherheitsrat, der am Abend zu einer Dringlichkeitssitzung in New York zusammenkam. Erdoğan forderte auch eine Krisensitzung der Nato. Diese jedoch reagierte betont zurückhaltend. "Die Nato ist über den Verlust von Menschenleben bei diesem Zwischenfall sehr beunruhigt", sagte der Sprecher des Verteidigungsbündnisses, James Appathurai, in Brüssel. "Wir sehen einer weiteren Aufklärung der Fakten dessen, was geschehen ist, entgegen."

Auch der wichtigste Verbündete Israels hielt sich in seinen Äußerungen zurück. Die USA "bedauerten zutiefst" die Toten und Verletzten, sagte Vize-Regierungssprecher Bill Burton und sprach ausdrücklich von einer Tragödie. Die Regierung wolle aber zunächst die genauen Umstände des Zwischenfalls erfahren. "Die USA bemühen sich derzeit, die Umstände dieser Tragödie zu verstehen", heißt in einer Erklärung des Weißen Hauses.

Dort sollte eigentlich an diesem Dienstag der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Gast von Präsident Barack Obama sein. Dieses Treffen wurde jedoch von Seiten der Israelis abgesagt. Nach Angaben von Netanjahus Büro in Jerusalem wollte der Premier, der sich am Montag in Kanada aufhielt, seine Nordamerika-Reise nicht fortsetzen, sondern sofort in die Heimat zurückfliegen.

Zurück in Jerusalem muss sich Netanjahu vor allem um die Aufklärung der genauen Umstände des Angriffs kümmern. Danach verlangen nicht nur die USA, sondern auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie forderte von der israelischen Regierung "schnellstmögliche Aufklärung". Wörtlich sagte die Kanzlerin: "Es stellt sich die dringende Frage der Verhältnismäßigkeit." So wie Außenminister Guido Westerwelle regte auch Merkel eine "neutrale" Untersuchung des Vorfalles an. Dabei könne es "hilfreich sein, wenn dabei auch internationalen Beobachter zugegen sind".

Israelische Soldaten hatten am frühen Morgen gewaltsam mehrere Schiffe aufgebracht , mit denen pro-palästinensische Aktivisten Hilfsgüter in den von Israel blockierten Gaza-Streifen bringen wollten. Eines der gestürmten Schiffe ist das türkisches Passagierschiff Mavi Marmara . Mindestens neun Menschen sollen getötet worden sein. Die meisten Todesopfer sollen einer türkischen Nichtregierungsorganisation zufolge Türken sein.

Auf dem Schiff befanden sich auch mehrere Deutsche , deren Schicksal aber noch ungewiss ist. Nach neuesten Angaben des Auswärtigen Amtes waren insgesamt zehn Deutsche an Bord der verschiedenen Schiffe. Unklar war, wie viele Bundesbürger sich auf der Marmara aufhielten, wo es die Todesopfer gab. Am Abend bemühten sich mehrere Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Israel um Zugang zu den Schiffen, die im Hafen Aschdod lagen. Zunächst hatten sie jedoch keinen Erfolg. Nach Angaben der israelischen Armee sollen die Identität der Aktivisten überprüft und diese befragt werden. Danach sollen sie in ihre Heimatländer abgeschoben werden. Falls sie dem nicht zustimmen, droht ihnen Haft.

Mit zur Gruppe der Deutschen gehörten auch zwei Bundestagsabgeordnete. Dabei handelt es sich um die Linke-Politikerinnen Annette Groth und Inge Höger. Auch der frühere Linke-Abgeordnete Norman Paech war mit an Bord. Die Deutschen waren von Irland mit dem Schiff Challenge I gestartet und bei einem Zwischenstopp auf die Marmara umgestiegen. Ihr Schicksal ist ebenso ungewiss wie das von Matthias Jochheim, Vize der deutschen Sektion der Ärzte zur Verhütung eines Atomkrieges (IPPNW), sowie das von Nader el Sakka von der Palästinensischen Gemeinde Deutschland.