Für einen Spaß ist Antanas Mockus immer zu haben. Als der kolumbianische Präsidentschaftskandidat mit dem markanten Kinnbart auf einer Bühne im Zentrum von Bogotá einen überdimensionierten Bleistift aus Plastik in die Höhe hält, fangen Tausende Anhänger an zu rufen: "Mockus – Lapiz del pais", "Mockus – Bleistift des Landes". Mit einem Lächeln setzt der 58-jährige Politiker der kleinen Grünen-Partei in den Sprechchor ein. Dann wiederholt er wie ein Mantra seine Wahlkampfparole: "Mit Bildung ist alles möglich. Schluss mit der Gewalt."

An diesem Sonntag wählen fast 30 Millionen Kolumbianer einen neuen Präsidenten, und dank Mockus ist der Wahlausgang so offen wie nie zuvor in den letzten acht Jahren. Der zweimalige Bürgermeister und Ex-Rektor der größten Universität von Bogotá hat sich vom exzentrischen Außenseiter zum Mitfavoriten hochgekämpft. Eigentlich wäre der konservative Präsident Álvaro Uribe nach zwei Amtszeiten – gebettet auf Zustimmungsraten um die 70 Prozent – gerne noch ein drittes Mal angetreten. Einer dafür notwendigen Verfassungsänderung schob das Oberste Gericht aber im Februar einen Riegel vor. Anschließend sah alles danach aus, dass Uribe das Zepter an seinen Kronprinzen, den früheren Verteidigungsminister Juan Manuel Santos, weitergeben würde. Bis der Aufstieg des Philosophie-Professors Mockus begann.

In der letzten Umfrage des Institutes Datexco vor der Wahl lag Mockus nur einen Prozentpunkt hinter Santos zurück, für den 35 Prozent der Wähler stimmen wollen. Weil den Prognosen zufolge wohl keiner der beiden Anwärter im ersten Anlauf den Sprung über die 50-Prozent-Hürde schafft, werden die Wähler am 20. Juni zur Stichwahl aufgerufen – und dort liegt Mockus bislang mit 45 Prozent hauchdünn vorne.

Der Zweikampf Santos versus Mockus – die übrigen sieben Kandidaten liegen weit zurück – ist nicht nur eine Richtungsentscheidung über die Zukunft Kolumbiens, sondern auch eine Abrechnung mit Uribe, der das Bürgerkriegsland zwei Amtszeiten lang dominierte. Ex-Verteidigungsminister Santos ist das personifizierte Versprechen, die Militäroffensive gegen die linke Guerillagruppe FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) fortzusetzen.

Auch Mockus lehnt Verhandlungen mit den FARC ab, doch hat er in seinem Wahlkampf erfolgreich das aus der Uribe-Ära stammende Leitmotiv der Sicherheit durch seine Schwerpunkte Bildung, Korruptionsbekämpfung und Rechtsstaatlichkeit ersetzt. "Ich habe Uribe bereits vor acht Jahren gesagt: 'Wir müssen den Krieg gegen die FARC gewinnen, aber wir müssen ihn sauber gewinnen'", betont Mockus im Gespräch mit ZEIT ONLINE.

Damit setzt er sich deutlich vom scheidenden Staatschef ab, der die Linksrebellen zwar in ländliche und unwegsame Dschungelgebiete zurückdrängen konnte, unter dessen Mandat sich aber auch Menschenrechtsverletzungen häuften. Nach Angaben der "Koordinierungsgruppe Kolumbien–USA–Europa" (CCEEU), eines Dachverbands mehrerer Nichtregierungsorganisationen in Bogotá, tötete die Armee zwischen 1997 und 2008 mehr als 2400 Zivilisten. Dutzende von ihnen gaben die Militärs als im Kampf getötete Guerilleros aus, um Regierungsprämien und zusätzliche Urlaubstage zu kassieren. Noch höher liegt die Zahl Unschuldiger, die von rechtsgerichteten Paramilitärs massakriert wurden. Zahlreiche Parlamentarier der Uribe-Koalition sitzen wegen Verstrickungen mit den Todesschwadronen hinter Gittern.

Bei der Präsidentschaftswahl vor vier Jahren ging Mockus noch gegen Uribe unter. Nun, im Duell mit dessen Parteikollegen Santos, setzt er erfolgreich auf sein Image als Außenseiter mit weißer Weste im eher schmutzigen Politik-Establishment Kolumbiens. "Die Leute sind für Mockus aus Protest gegen Uribe und die Korruption und Skandale in dessen Regierung", sagt León Valencia von der Nicht-Regierungsorganisation Corporación Nuevo Arco Iris.