Die Kriegsrhetorik hält Einzug in die Auseinandersetzungen zwischen Nord- und Südkorea, seitdem die südkoreanische Korvette Cheonan wohl durch einen Torpedoangriff des kommunistischen Nachbarlandes versenkt wurde. 46 Matrosen starben durch die Attacke nahe der innerkoreanischen Seegrenze im Gelben Meer Ende März. Pjöngjang bestreitet, das Schiff versenkt zu haben.

Südkoreas Präsident Lee Myung Bak behielt sich am Montag im Fall weiterer Provokationen des Nordens für sein Land das Recht auf Selbstverteidigung vor. Nordkorea konterte mit militärischen Drohungen. Südkorea wiederum will die Propaganda-Durchsagen an der Grenze wieder aufnehmen, der Norden drohte, die Lautsprecher zu beschießen. Vergangene Woche bereits soll Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il seine Streitkräfte in Kampfbereitschaft versetzt haben, heißt es am Dienstag aus Dissidentenkreisen, doch eine Bestätigung dieser Meldung gibt es nicht . Südkorea und die USA planen nun zwei gemeinsame Seemanöver, berichtete das US-Verteidigungsministerium am Montag. Bei den Übungen solle es vor allem darum gehen, U-Boote aufzuspüren und abzuwehren.

Die Wut in Südkorea und die Solidaritätsmaßnahmen ihrer Schutzmacht USA mögen nachvollziehbar sein, bei der Lösung der ewigen Krise helfen sie keineswegs. Ohnehin wäre der Norden in einem ernsthaften militärischen Konflikt chancenlos. Die kommunistische Diktatur unterhält zwar eine große Armee – viel zu groß für das komplett verarmte Land mit seinen 24 Millionen Einwohnern –, doch ist ihre militärische Ausrüstung veraltet. Mehr als eine Million Soldaten stehen für Pjöngjang im Sold, die meisten stationiert im Grenzgebiet zum Süden. Im Mai vergangenen Jahres gelang es dem Regime zudem, erfolgreich eine Atomwaffe zu zünden – wenngleich es nach Ansicht von Experten noch mehrere Jahre benötigt, um einen Sprengkopf für eine selbstentwickelte Rakete zu bauen. Deshalb ist die konventionelle Bewaffnung zurzeit noch eine größere Gefahr für Nordkoreas Nachbar: Nur 40 Kilometer sind die Außenbezirke Seouls von der Grenze entfernt. Im Süden sind daher 28.000 US-Soldaten stationiert, Seoul hat 670.000 Soldaten.

Weshalb also riskiert Diktator Kim eine Verschärfung des Dauerkonfliktes, den er militärisch nicht gewinnen kann? Der Verdacht liegt nahe, dass er die Torpedo-Attacke erneut dazu nutzte, seine vermeintliche Unberechenbarkeit zu unterstreichen. 2009 provozierte das Regime schon mit dem Start von Kurz- und Mittelstreckenraketen. Ein Langstreckentest misslang zwar, doch im Mai folgte die unterirdische Zündung der Atomwaffe, im November ließ man dann ein Patrouillenboot in südkoreanische Gewässer eindringen.

Diese Grenzüberquerung endete mit einem Beschuss durch ein südkoreanisches Kriegsschiff. Aus der Regierung in Seoul heißt es jetzt, dass die Cheonan -Affäre eine Vergeltung für diese Demütigung sei, doch stimmt dies allenfalls zum Teil. Vielmehr kann der Torpedo-Beschuss als eine Fortsetzung der kalkulierten Provokationen gesehen werden, mit denen Kim Jong Il bislang durchaus Erfolg hatte. Er will mit extremen Aktionen erzwingen, dass die USA direkt mit Pjöngjang über das umstrittene Atomprogramm verhandeln. Dabei ist es allerdings sehr unwahrscheinlich, dass Nordkorea im Falle direkter Verhandlungen mit Amerika am Ende tatsächlich auf sein Nuklear- und Raketenprogramm verzichten würde. Allein die Möglichkeit, dass man imstande sein könnte, eine atomwaffenartige Massenvernichtungswaffe zu bauen, gibt Pjöngjang Macht.

Doch Nordkorea braucht eben auch Geld und Lebensmittel, das extrem verarmte Land liegt wirtschaftlich und sozial am Boden. Eine gescheiterte Währungsreform Ende 2009 – man wollte freie Märkte zerstören und die zentrale Planung stärken – hat die privaten Ersparnisse vernichtet und erstmals seit Langem das unterdrückte Volk in Unruhe versetzt. Wenig später ruderte die Regierung zurück, die kleinen Märkte durften wieder öffnen, doch der Schaden war groß. Tonnenweise werden nun Nahrungsmittel aus dem Ausland gebraucht, um die Menschen in dem isolierten Land ernähren zu können.

Wichtig ist für Kim Jong Il auch, die Gruppe der Günstlinge aus Partei und Militär finanziell ruhig zu stellen. Empfindlich trifft die Nomenklatura dabei, dass die Deviseneinnahmen aus dem Waffenhandel gestört sind, seit eine UN-Resolution vom Juni 2009 nach dem Atomwaffentest die Kontrolle von Fracht aus und nach Nordkorea ermöglicht.

Das Schüren regionaler Spannungen kann daher auch von den inneren Problemen ablenken. Der Abschuss eines südkoreanischen Schiffes und der Tod von 46 Soldaten ist jedoch eine Dimension, die es so seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr gab. 1983 verübten nordkoreanische Geheimdienstler im birmanischen Rangun einen Anschlag auf den Premier des Südens, dabei starben 17 Begleiter des Politikers; 1987 wurden zwei nordkoreanische Spione für einen Bombenanschlag auf ein südkoreanisches Verkehrsflugzeug verantwortlich gemacht, bei dem 115 Menschen ums Leben kamen. Heute ist vor allem in Südkorea die Sorge groß, dass Pjöngjang das Land attackieren könnte, um beispielsweise zu erzwingen, dass Wirtschaftshilfen wieder aufgenommen werden.