Warum tut sich Israel das nur an? Warum lässt es sich auf eine hochmoderne Medienschlacht mit sechs alten Schiffen voller Helfer, Politiker, Nobelpreisträger, Schriftsteller, Friedensaktivisten ein? Warum schickt es ausgerechnet die Armee, um diese Schiffe am medialen Erfolg zu hindern?

Es kam, wie es kommen musste. Israel hat diese Schlacht vor aller Welt verloren. Seine Armee hat mal wieder "überreagiert" (Nicolas Sarkozy), den Soldaten ist die Kontrolle entglitten, neun Tote sind das Resultat. Die Welt überschüttet Israel mit Kritik, der UN-Sicherheitsrat wägt Worte und Mittel, das Land in die Schranken zu weisen, selbst Verbündete wie Deutschland und die USA gehen auf Distanz. Die israelische Regierung, viele Israelis fühlen sich missverstanden. Was läuft schief?

Lassen wir mal die übliche Sorgenliste in Israel und Palästina beiseite: Siedlungen im Westjordanland, Checkpoints, Würgegriff für den Gaza-Streifen, Angriffe aus Gaza, alltägliche Belästigung und Bedrückung von Palästinensern durch israelisches Sicherheitspersonal. Reden wir davon, was Israel gerade verliert, vielleicht unwiederbringlich. Reden wir von der Türkei, von den USA und vom Ansehen in der Welt.

Zu den wirklich schmerzhaften Verlusten zählt wohl das gute Verhältnis zur Türkei. Spätestens seit den neunziger Jahren pflegten die beiden Verbündeten Washingtons enge strategische Zusammenarbeit. Israelische Piloten trainierten über Anatolien, türkische Panzer wurden mit israelischer Technik aufgerüstet, die Armeen übten zusammen. Seit Gaza: Funkstille. Beim World Economic Forum gerieten Premier Erdoğan und Präsident Peres aneinander, Erdoğan nutzte den Moment zu einem breitbeinig dramatischen Abmarsch vom Podium. Seither ließ der Premier aus dem Volk mit Sinn für Volkes Themen keine Gelegenheit aus, die israelische Palästina-Politik dröhnend anzuprangern.

Israel revanchierte sich. Zu Jahresbeginn erniedrigte Vizeaußenminister Ayalon den türkischen Botschafter in einer törichten Couch-Einlage vor laufenden Kameras ("Man beachte: Ich sitze hoch und er niedrig"). Der Sturm der türkischen Schiffe, der Tod türkischer Helfer hat nun die Beziehungen komplett eingefroren. Zum Nachteil Israels: In den vergangenen acht Jahren hat sich die Türkei im Nahen Osten, in Afrika und Asien bestens vernetzt. Israel steht in der Ecke.

Und das leider auch allmählich beim besten Verbündeten. In den USA wächst das Unbehagen an der israelischen Politik in der explosiven Region. Vor allem in den Streitkräften. Der langjährige CIA-Mitarbeiter und Bestsellerautor Robert Baer verriet auf einer internationalen Konferenz des Satellitenkanals al-Dschasira in Qatar vorige Woche, dass viele US-Soldaten einen Zusammenhang zwischen Israels Politik und ihren gefährlichen Einsätzen in Afghanistan, am Golf, im Irak sehen. "Man ist immer weniger bereit, sich der Wut der Menschen darüber auszusetzen, was die Israelis mit den Palästinensern machen", sagte Baer.

Kein geringerer als der führende US-General David Petraeus bezeichnete schon im März die israelischen Konflikte mit seinen Nachbarn als Belastung für die US-Interessen in der Region. Und wenn man der israelischen Zeitung Yedioth Ahronot Glauben schenken will, hat US-Vizepräsident Joe Biden der israelischen Regierung diesen Vorwurf schon persönlich unter die Nase gerieben. Doch selbst die kritische Unterstützung Israels durch die US-Regierung geht vielen Amerikanern zu weit. An Universitäten und in Nichtregierungsorganisationen, in Blogger-Foren und auf Konferenzen, fordern zunehmend mehr US-Bürger, Unterstützung für Israel an dessen Wohlverhalten gegenüber Palästinensern zu knüpfen. Gerade junge Amerikaner gehen spürbar auf Distanz zu Israel. Der Schiffs-Showdown verstärkt diese Tendenz.