Der Flüchtlingsstrom aus dem von Unruhen geschüttelten Kirgistan reißt nicht ab. Nun hat das kirgisische Nachbarland Usbekistan seine Grenze für Flüchtlinge geschlossen. "Wir haben einfach keine Kapazitäten mehr", sagte der usbekische Vize-Regierungschef Abdulla Aripow. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) geht von 80.000 Flüchtlingen aus, von denen 15.000 an der Grenze aufgehalten wurden. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen könnte die Flüchtlingszahl in Kürze auf 100.000 steigen.

Um der Lage Herr zu werden, baten Usbekistan und Kirgistan um humanitäre Hilfe. Nötig seien vor allem Medikamente, Betten und Verbandsmaterial für die vielen Verletzten, teilten die usbekischen Behörden mit. Armeeeinheiten versorgten die Flüchtlinge, die unter anderem in Schulen und Fabriken untergebracht sind, mit Essen aus Feldküchen.

Die Vereinten Nationen forderten die Einrichtung eines sicheren Korridors,um Hilfsgüter in das Krisengebiet bringen zu können. Dies sei angesichts der angespannten Sicherheitslage im Süden Kirgistans dringend nötig, damit die UN und andere die Betroffenen unterstützen könnten, sagte ein Sprecher .

Die UN werde auch versuchen, dem Nachbarland Usbekistan genug Hilfe zukommen zu lassen, um es zur Aufnahme weiterer Geflohener zu befähigen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) kündigte erste Hilfslieferungen an.

Mehrere Lastwagen mit Hilfsgütern von der Organisation Unicef sind mittlerweile in der Region eingetroffen. Die Verantwortlichenteilten mit, dass 90 Prozent der Flüchtlinge Frauen und Kinder seien, die "ohne jede Habe" gestrandet seien und mit dem Nötigsten versorgt werden müssten. Die hygienischen Verhältnisse seien schlecht und zahlreiche Patienten mit Schusswunden müssten behandelt werden.

Auslöser des Flüchtlingsstroms sind die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und Angehörigen der usbekischen Minderheit, die den Süden Kirgistans seit vergangenem Freitag erschüttern..

Das Verhältnis zwischen beiden Bevölkerungsgruppen ist vor allem wegen der wirtschaftlichen Ungleichheit angespannt. Die politische Situation in Kirgistan ist seit dem Sturz von Staatschef Kurmanbek Bakijew im April äußerst instabil. Die Übergangsregierung unter Präsidentin Rosa Otunbajewa will Ende Juni eine Volksabstimmung über eine neue Verfassung abhalten.

Die kirgisische Übergangsregierung befürchtet eine Ausweitung der jüngsten Gewalt vom Süden des Landes auf Gebiete im Norden und die Hauptstadt Bischkek. Nach den Erfahrungen in der südlichen Stadt Osch gehe er davon aus, dass es auch dort zu Provokationen kommen werde, sagte Vize-Ministerpräsident Almasbek Atambajew. Die Regierung sei aber gut darauf vorbereitet.

Wie das kirgisische Gesundheitsministerium mitteilte, wurden bislang 170 Menschen getötet und mehr als 1700 verletzt.