Was ist nur los mit Deutschland und Frankreich? Europas Krise wirkt um so beunruhigender, als dass ausgerechnet die beiden bedeutendsten Staaten des Kontinents miteinander Probleme haben. Aller Schönrednerei zum Trotz, die auf gemeinsamen Festakten gepflegt wird, erfüllen sie ihre Führungsrolle nur mangelhaft. "Die Abstimmung funktioniert offenbar nicht gut": So drückte es Mittwochabend Deutschlands einflussreichster Industriemanager aus.

Gerhard Cromme war der Redner eines Diskussionsabends in Paris, zu dem der deutsche Botschafter in seine prächtige Residenz am linken Seineufer geladen hatte. Cromme, in vielen wichtigen deutschen Aufsichtsräten präsent und bestens mit der politischen Macht vernetzt, war gekommen, Vertretern der französischen Elite aus Wirtschaft und Politik die deutschen Interessen zu erklären, und er ging Punkt für Punkt auf Vorurteile ein, die derzeit in Frankreich genährt werden. Allein schon diese ungewöhnliche Aktion, erst recht ungewöhnlich für eine Botschaft, demonstrierte die Dramatik.

In der Tat muss, in den Worten Crommes, verhindert werden, dass "dauerhafte Missverständnisse zwischen Deutschen und Franzosen die Handlungsfähigkeit Europas einschränken" . Die europäische Landkarte lehrt, ebenso wie die volkswirtschaftliche Statistik, dass beide Länder zusammengenommen zwar zu schwach sind, ein Direktorium zu bilden, aber dass, wenn sie nicht zueinander finden, eine politische Lücke in Europa klafft, die niemand sonst füllen kann. Ein Zustand, der in den vergangenen Wochen immer wieder einmal kurzzeitig eintrat und der nicht zur dauerhaften Malaise werden darf.

Just deshalb begleitet, wenn Nicolas Sarkozy am kommenden Montag Angela Merkel besucht, ein anschwellender Chor das Treffen, der "genug!" ruft. Genug der Rangeleien und Hakeleien und Fingerzeigereien. Genug der Vorwürfe, Deutschland wolle die EU dominieren, mehr noch, es wende sich von seinen Freunden ab und den Russen zu. Oder Frankreich wolle seinen staatsorientierten Wirtschaftsstil den Deutschen aufzwingen. Allerdings lässt sich das alles nicht durch Beschwörungen aus der Welt schaffen, vielmehr müssen die Partner überzeugt werden. Das hat Berlin offenbar erkannt; endlich, muss hinzugefügt werden. Über den Abend war nicht nur das deutsche Außenministerium informiert, was sich ja von selbst versteht, sondern auch die Bundeskanzlerin.

Paris wiederum will, so ist zu vernehmen, seinerseits um Berlin werben. Frankreichs Präsident braucht die Kanzlerin schon allein deswegen, damit im kommenden Jahr aus seiner G-20-Präsidentschaft etwas werden soll, und das muss sie, wegen des Präsidentschaftswahlkampfs. Das hieße aber, den französischen Präsidenten zu unterschätzen, wollte man ihm nur taktische Motive unterstellen. Auch ihm dürfte bewusst sein, dass deutsch-französischer Streit, wie etwa jüngst zwischen dem Bundesbankpräsidenten Axel Weber und dem EZB-Chef Jean-Claude Trichet, schweren Schaden anrichten kann. Aus der Regierung in Paris ist jedenfalls seit einigen Tagen kein kritisches Wort gegen Deutschland mehr zu vernehmen.

Was nicht etwa bedeutet, dass die Vorwürfe aus der Welt seien. Sie "gehen paradoxerweise einher mit der Forderung vieler Staaten nach deutscher Führung in der Krise" , sagte Cromme gestern Abend, "aber sobald deutsche Positionen bezogen werden, klagt man über le diktat allemand ". Zu diesen Positionen zähle auch, dass es "keine Blankoschecks mehr" geben dürfe: "Bundeskanzlerin Merkel ist vorgeworfen worden, – nicht nur von französischer Seite – sie habe die Verabschiedung der Griechenland-Hilfe zu lange hinausgezögert. Aber wenn man es eher gemacht hätte, wären Griechenland, Portugal, Spanien und andere wohl kaum bereit gewesen, die notwendigen Schritte zu tun. Dann wäre nur Geld überwiesen worden und drei bis sechs Monate später hätten wir vor demselben Problem gestanden. Insofern war es richtig, übrigens auch im Interesse des französischen Steuerzahlers, erst klare Bedingungen zu definieren." Und ganz grundsätzlich: "Eine Transfergemeinschaft, die dauerhaft auf die finanzielle Unterstützung von Mitgliedsstaaten abstellt, ist für die Deutschen nicht akzeptabel."