Radikalislamisten oder harmlose Helfer?

Eine zugeparkte Nebenstraße in Fatih, dem Istanbuler Viertel der Gläubigen und Züchtigen. Hier ein Buchladen, da ein Nussverkäufer, viele Bäume vor alten Häusern, es riecht nach Frühlingsblüte und den Köftegrills aus der Seitenstraße. In dem gelben zweistöckigen Haus gegenüber wurde der Anlass dieser Weltkrise ersonnen. Die IHH, die Stiftung für Menschenrechte und Freiheit, liegt unweit der großen ehrwürdigen Fatih-Moschee. Gleich neben dem Eingang kann man die Spenden einreichen. Vorbei an einer Glasvitrine mit Auszeichnungen für Hilfsprojekte in Asien und Afrika. Zwei Frauen in weitem schwarzem Gewand sitzen vor dem Rechnungsführer und schieben 150 Lira (80 Euro) über den Tisch. Der nickt und dankt mit einem religiösen Spruch.

Wir befinden uns im Hauptquartier jenes türkischen Vereins, der das mächtige Israel herausgefordert hat. Hier wurde der Hilfskonvoi zusammengestellt, der im Frühjahr Gaza erreichte. In diesen Büros wurde die Hilfsflotille von einer Handvoll Schiffen geplant, die nun von der israelischen Kriegsmarine aufgebracht wurden.

Wahrscheinlich über zehn Tote, drei Dutzend Verletzte und eine Weltkrise bis hin zum UN-Sicherheitsrat sind das Ergebnis. Nicht nur Türken waren im Visier der Israelis. Auch Angehörige von über dreißig Nationen, Muslime, Christen, Atheisten. Darunter auch zwei Bundestagsabgeordnete von den Linken. Sie alle wollten die dreijährige israelische Blockade von Gaza durchbrechen und Hilfsgüter bringen. Doch wer ist die Stiftung für Menschenrechte und Freiheit IHH? Radikale Islamisten, wie Israel behauptet, oder harmlose Helfer, wie die Türken sagen?

Die IHH sieht kaum nach dem Sturm aus, den sie in der Welt ausgelöst hat. Die Eingangshalle ist voller Menschen. Angehörige fragen nach ihren Verwandten, Helfern auf den drei Schiffen, die IHH Richtung Gaza geschickt hat. Ein großer Fernseher ist aufgestellt, unaufhörlich flimmern Bilder vom Sturm der israelischen Marine auf dem Hauptschiff in einer Endlosschleife, dazu aufgeregte Kommentare von Journalisten, Politikern. Mutmaßungen, Beschuldigungen, Verdächtigungen. Keiner weiß Genaues von den aufgebrachten Schiffen. Israel hat eine Nachrichtenblockade verhängt.

Die IHH hat weder Mittel noch Erfahrung, Informationen wirksam zu verbreiten. Es gibt ein Pressebüro, aber das ist ausgerechnet heute nicht erreichbar. Im Hauptquartier Fatih reiht sich Büro an Büro, im Nebengebäude ist ein Waisenhaus eingerichtet. 130 Menschen arbeiten hier, die meisten Männer, dreißig Frauen. Viele sind "im Feld", wie die IHH-Leute sagen. Draußen in der Welt in Bosnien, Sudan, Somalia, Jemen, Pakistan, Irak, Niger. Sie bauen Hütten und Schulen in Konfliktgebieten, bohren Brunnen, betreiben mobile Kliniken, verteilen Wasser, Lebensmittel, Decken und Zelte in Flüchtlingslagern. Die humanitäre Organisation begann ihre Arbeit in Bosnien, sie bekam vor drei Jahren den "Ehrenpreis" des türkischen Parlaments. Mit einem gleichnamigen Hilfsverein von Türken in Deutschland will IHH Istanbul nichts zu tun haben. Sie sind vor Jahren getrennte Wege gegangen.

In Gaza arbeitet die Organisation seit dem Beginn der Blockade durch Israel im Jahr 2007. Dieses Jahr ist schon ein Hilfskonvoi über Ägypten nach Gaza gekommen. Nun also der gescheiterte Versuch übers Mittelmeer. Ein Himmelfahrtskommando? Man wollte auf die "riesige menschliche Tragödie" in Gaza aufmerksam machen, sagte der IHH-Vorsitzende Bülent Yildirim, bevor die Schiffe vom türkischen Mittelmeerhafen Mersin in See stachen.

Sind wir hier also bei von Hamas ferngesteuerten "Radikalislamisten"? Murat Uyar empfängt uns, ein Leiter der weltweiten Hilfsprogramme, kurzgeschorener Bart, kurzärmliges Hemd, sichtlich mitten aus der Arbeit gerissen. Gläubig ist man hier allemal, das zeigt schon der zusammengerollte Gebetsteppich auf dem Schreibtisch, die vielen vollbärtigen Männer, die Kopftuchfrauen. Und überhaupt: das hier ist Fatih, Istanbul. "Wir sind alle Muslime", sagt Uyar. Und von der Hamas gesteuert? "Absurd", sagt der 33-jährige Uyar. IHH arbeite seit Mitte der neunziger Jahre in insgesamt über hundert Ländern, die mit Hamas nichts zu tun hätten. Für Projekte in Gaza müsse man natürlich mit Hamas sprechen, "schließlich regieren die da". Vergangenes Jahr sei eine Hamas-Delegation hier in Fatih gewesen, die sei anschließend nach Ankara zu Gesprächen mit der Regierung weitergereist. Keine Konspiration. Alles durchsichtig, betont er.

 

Teilen IHH-Leute fundamentalistische Ansichten? Die Attacken von al-Qaida auf muslimische Regierungen, auf Amerika und Europa lehnt Murat Uyar ab. Er verachtet das Terrornetzwerk geradezu. "Das ist nicht unser Verständnis von Islam", sagt er. Und Hamas? "Die leisten Widerstand", sagt er. Wobei, selbstverständlich, Zivilisten geschützt werden müssten. Diese Sichtweise auf die Konflikte im Mittleren Osten wird von vielen Türken geteilt.

Israels Blockade gegen Gaza seit 2007 wühlt die Mehrheit der Bevölkerung auf. "Solidarität mit Palästina!" ist der Leitspruch von Konzerten und Fernsehsendungen, das Mantra von Politikern aus dem religiösen und säkularen Lager. Der konservative Premier Tayyip Erdoğan hat sich mit seiner scharfen Israelkritik nur rhetorisch an die Spitze der Bewegung gesetzt. Auch säkulare Politiker dreschen auf Israel ein. Unter einer linkssäkularen Regierung wäre das türkische Verhältnis zu Westjerusalem kaum besser.

Wer gibt das Geld für IHH-Aktionen? Das komme aus Spenden, sagt Uyar. Da sei einmal die Zakat, die Pflichtabgabe gläubiger Muslime, welche viele gern IHH gäben. "Vorgestern hat eine Frau ihren ganzen Schmuck zu uns gebracht", sagt Uyar stolz. Zu den Kleinspendern kommen einige große Geldgeber, reiche Gläubige, von denen es in der prosperierenden Türkei zunehmend mehr gibt. Namen will Uyar nicht nennen. Die Regierung helfe IHH beim Kauf von Ausrüstung und Medikamenten, indem sie Ausschreibungen organisiert.

Auf ihre Missionen bereite sich IHH sorgfältig vor, erklärt Murat Uyar. Der israelische Vorwurf, man habe Waffen gehabt, sei abwegig. "Bei uns kann nicht einer mal eben Waffen an Bord eines Schiffes schmuggeln", sagt er. Bevor die drei Schiffe nach Gaza losfuhren, habe der Istanbuler Zoll die Ladung komplett durchgeprüft. "Von oben bis unten, mit Spürhunden und Röntgengeräten", sagt Uyar. Dann sei die Ladung versiegelt worden, damit sie ohne Manipulation Gaza erreichen könne. Doch kann nicht auch das Begleitpersonal Waffen schmuggeln? Uyar schüttelt den Kopf. "Wir prüfen unsere Leute vor jeder Hilfsfahrt, sagen ihnen: dies ist eine friedliche Mission, keine Waffen, keine Vorbereitung auf Angriffe." IHH sei eine professionelle Hilfsorganisation.

Dafür aber war die Besatzung des IHH-Schiffes Mavi Marmara nicht gut für ein mögliches Entern des Schiffes trainiert. Dass Gewaltlosigkeit die beste Antwort auf das Erscheinen von Soldaten wäre, wussten jene Aktivisten nicht, die Eisenstangen in die Hand nahmen. Das zeigen die Videobilder. Für diesen fahrlässigen Umgang mit Menschenleben in einer hochgefährlichen Situation müsste die Vereinsführung zur Rechenschaft gezogen werden. Doch sie genießt Schonzeit und beweint mit dem ganzen Verein die Opfer.

Nimmt man die Bilder und die Eindrücke aus dem IHH-Hauptquartier in Fatih zusammen, ist hier beileibe kein radikalislamischer Verein als Subunternehmer von Hamas zu besichtigen. Es ist ein Hilfsverein und, ja, er wird von konservativen, gläubigen Muslimen getragen. Aber er ist offensichtlich unabhängig. IHH hat Kontakte zu Hamas – so wie türkische Behörden, wie die russische Regierung, wie europäische Abgeordnete auch. Die islamistische Hamas ist nach drei Jahren Blockade gegen Gaza nicht mehr so unberührbar, wie einige Regierungen und Journalisten es sich wünschen. Diese Aktion Israels jedenfalls hat Hamas wieder mal ein Stück salonfähiger gemacht.