Ungeachtet des weltweiten Drucks lehnt Israel eine internationale Untersuchung seiner Militäraktion gegen die Gaza-Hilfsflotte weiter ab. Außenminister Avigdor Lieberman sagte, er sei dafür, dass sich eine israelische Kommission der Sache annehme. Diese könne allerdings von Beobachtern von außen unterstützt werden.

Lieberman nahm offenbar einen Vorschlag von US-Vize-Präsident Joe Biden auf, der eine interne Untersuchung mit internationaler Unterstützung angeregt hatte. "Wir haben genug hervorragende Rechtsexperten", sagte der Minister. "Wenn sie wollen, können wir noch Beobachter von außen dazu einladen." Als Beispiel schwebe ihm Südkorea vor, sagte Lieberman im israelischen Rundfunk. Die Regierung in Seoul hatte nach dem vermuteten Torpedo-Angriff Nordkoreas auf ein südkoreanisches Kriegsschiff im März eine Untersuchungskommission eingesetzt, in der auch internationale Experten vertreten waren.

Israel will verhindern, dass die vierjährige Blockade des Gaza-Streifens und die humanitäre Situation dort bei den Ermittlungen thematisiert wird. Das Palästinenser-Gebiet wurde abgeriegelt, um die radikale Hamas von Waffenlieferungen abzuschneiden. Die vorgeschlagene Untersuchung soll sich auf die Kommando-Aktion beschränken. Rund 450 festgenommene Aktivisten kamen auf freien Fuß und flogen von Israel in die Türkei. An Bord der türkischen Maschinen waren auch die Leichen ihrer neun Mitstreiter, die bei dem israelischen Einsatz am Montag ums Leben kamen. 

Beerdigung für Gaza-Aktivisten

Begleitet von Zornesbekundungen haben in Istanbul Angehörige und Freunde inzwischen Abschied von acht getöteten Gaza-Aktivisten genommen. Um die in türkische und palästinensische Fahnen gehüllten Särge versammelten sich mehrere Hundert Menschen in der Fatih-Moschee zu einer Trauerfeier. Für einen neunten Getöteten soll es eine getrennte Trauerveranstaltung geben.

Derweil warnte der US-Nahostgesandte George Mitchell davor, dass der Sturm auf den Schiffskonvoi auf den Weg in den Gazastreifen dem Nahost-Friedensprozess schade. Mitchell moderiert die im Mai aufgenommenen Gespräche. Am Mittwoch hatte er sich mit Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas getroffen.

Der Chef einer türkischen Organisation , der die Hilfsflotte organisiert hatte, wies Vorwürfe des israelischen Militärs zurück, die Aktivisten hätten Soldaten angegriffen. Einigen sei es zwar gelungen, den Soldaten Waffen zu entreißen. Sie hätten diese aber über Bord geworfen, ohne damit zu feuern, sagte Bülent Yildirim. Israelische Offiziere hatten erklärt, ihre Männer seien von den Aktivisten mit Pistolen beschossen worden.

Mindestens neun Aktivisten waren bei der Kommando-Aktion umgekommen, die meisten von ihnen vermutlich Türken. Darüber hinaus würden aber weitere Menschen vermisst, erklärte Yildirim. Einige Tote seien über Bord geworfen worden. Einem indonesischen Arzt, der einem verletzten israelischen Soldaten habe helfen wollen, sei fünfmal in den Bauch geschossen worden. Von unabhängiger Seite konnten die Schilderungen zunächst nicht bestätigt werden.

Beziehung zwischen Israel und der Türkei

Zuvor hatte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan angekündigt, dass gegen die Verantwortlichen des israelischen Angriffs Strafanzeige gestellt werde. "Wir werden das nicht auf sich beruhen lassen", sagte er. Er begrüßte, dass mit der starken internationalen Reaktion auf den Angriff auch das Leid der Palästinenser im Gaza-Streifen wieder auf die Tagesordnung komme.

Lieberman sagte, Israel habe sich nichts vorzuwerfen. "Der Auslöser der Veränderungen in den israelisch-türkischen Beziehungen sind allein interne Wandlungen innerhalb der türkischen Gesellschaft", sagte Lieberman. Er verglich die Situation mit den ehemals guten Beziehungen Israels mit Iran , die nach der islamischen Revolution von 1979 abgebrochen wurden.

"Wir haben die Verschlechterung der Beziehungen nicht ausgelöst", sagte Lieberman zu der Krise mit dem ehemaligen engen Verbündeten. Er warf der Türkei vor, bewaffnete Aktivisten auf die Mavi Marmara geschickt zu haben, die er als "Schläger" und "Söldner" beschrieb. "Die ganze Schuld liegt vom Anfang bis zum Ende bei der Türkei", sagte Lieberman.

Das Wichtigste sei, dass bei dem Einsatz keine israelischen Soldaten ums Leben gekommen seien. "Ich stecke lieber Kritik aus aller Welt ein, als Soldaten zu begraben." Er bekräftigte, man werde auch das nächste Solidaritätsschiff , das am Wochenende in der Region erwartet wird, nicht zum Gazastreifen durchlassen.