Es gilt das gesprochene Wort.

Dr. Gerhard Cromme:
"Le retour aux fondamentaux – les relations franco-allemandes en 2010"
am 01. Juni 2010 in Paris

Monsieur le Président,
Monsieur le Député,
Messieurs les Sénateurs,
Madame et Messieurs les Ministres,
Messieurs les Ambassadeurs,
meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde!

Als ich gebeten wurde, heute zu Ihnen zu sprechen, habe ich spontan entschieden, das auf Französisch zu tun. Was meine Kenntnis der französischen Sprache betrifft, ähnelt sie der Beziehung zu meiner Frau: Ich liebe sie, ich bewundere sie, ich verstehe sie meistens, aber ich beherrsche sie nicht. Bitte sehen Sie mir das – bezogen auf die Sprache – nach.

Das deutsch-französische Verhältnis liegt mir sehr am Herzen. Ich komme seit inzwischen über 50 Jahren immer wieder gern nach Frankreich: aus privaten und geschäftlichen Gründen und als Mitglied verschiedener Aufsichtsräte und Gründungsmitglied des deutsch-französischen Unternehmertreffens von Evian. Ich kann mich heute noch gut an den Besuch von US-Präsident Kennedy in Paris am 31. Mai 1961 erinnern. Das Pressefoto von John F. Kennedy und Charles de Gaulle auf dem Pont Henri IV habe ich noch vor Augen; ein kleines Pünktchen am rechten Rand dieser Aufnahme, die im Figaro erschienen ist, bin ich damals gewesen. Hier in Paris habe ich 1968 studiert während der damals bescheiden so genannten "Maiereignisse". Später habe ich mit meiner Familie in Nancy gelebt. Von 1971 bis 1986 habe ich für Saint Gobain gearbeitet.

Wie Sie sehen, bin ich kein neutraler, leidenschaftsloser Betrachter der deutsch-französischen Beziehungen, sondern im besten Sinne voreingenommen. Deshalb kann ich auch meine persönliche Meinung äußern.

Die deutsch-französischen Beziehungen haben zurzeit, wieder einmal, Hoch­konjunktur in der öffentlichen Diskussion. Die deutsche Regierung und das deutsche Wirtschaftsmodell stehen in der Kritik. Die Positionen beider Regierungen werden zu extremen Gegensätzen stilisiert. Noch vor drei Tagen haben Präsident Giscard und Bundeskanzler Schmidt in der Zeit einen gemeinsamen Appell gestartet, zusammen aus der Krise zu gehen. Herr Präsident, danke noch einmal dafür, dass Sie die Einladung des Herrn Botschafters akzeptiert haben.

Dennoch war die institutionelle Zusammenarbeit zwischen zwei Ländern selten so eng zwischen Frankreich und Deutschland, aber die Abstimmung funktioniert offenbar nicht gut. Wir müssen aufmerksam sein, dass nicht dauerhafte Missverständnisse zwischen Deutschen und Franzosen die Handlungsfähigkeit Europas einschränken. Wir müssen die Situation analysieren und die richtigen Schlüsse ziehen.

Kritik und Krisen hat es im deutsch-französischen Verhältnis auch früher gegeben und sie wurden erfolgreich beendet. Denken Sie nur an die schwierige Diskussion zur Zeit von de Gaulle und Adenauer um die Präambel zum Deutsch-Französischen Vertrag, das schwierige Verhältnis zwischen Pompidou und Brandt oder an das 10-Punkte-Programm von Kohl und den Besuch von Mitterand in Ost-Berlin Ende 1989. Früher hat man aber viele Probleme im Sinne der Selbstzensur gar nicht angesprochen; heute diskutiert man sie "en famille" kontrovers und vertritt dann die erreichten Kompromisse gemeinsam nach außen.

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit heute möglichst sachlich auf das lenken, was in den deutsch-französischen Beziehungen langfristig zählt. Dabei werde ich die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich ebenso offen ansprechen wie die gemeinsamen Aufgaben.

Wo stehen wir heute?

Die Europäische Union durchlebt zurzeit zweifellos eine tiefgreifende Krise. Ich würde nicht so weit gehen wie Jean-Claude Trichet und von der größten Krise seit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sprechen, aber die Situation ist ernst. Die Folgen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise sind noch nicht verarbeitet, sie haben viele Staatshaushalte in eine beträchtliche Schieflage gebracht. Griechenland steht am Rande des Staatsbankrotts. Die EU-Institutionen und die Mitgliedsstaaten sind auf eine solche Situation nicht vorbereitet.

Krisen an sich sind noch kein Grund, an Europa zu zweifeln. Europa ist seit jeher durch Krisen vorangekommen. Und es hat stets Skeptiker wie die angelsächsischen Länder gegeben, die das Scheitern Europas vorhergesagt haben. Es ist immer anders gekommen. Die Skeptiker konnten nicht akzeptieren, dass letztlich das Politische – die Vereinigung Europas – über die Märkte gesetzt wird. Aus jeder Krise ist Europa letztlich gestärkt hervorgegangen.