Ein Krieg führender General, der einem Reporter sagt oder durch seine engsten Vertrauten und Untergebenen mitteilen lässt, dass der Präsident – sinngemäß – keine Ahnung habe , der Vizepräsident eine Niete und der Sondergesandte der Regierung gefährlich sei, muss gehen. General Stanley McChrystal, Amerikas Befehlshaber und oberster Kriegsstratege für Afghanistan, ist unhaltbar und untragbar geworden. Daran ändert auch McChrystals Entschuldigung für seine Äußerungen nichts .

Es ist nicht das erste Mal, dass ein amerikanischer Präsident mit einem Feldherrn über Kreuz liegt. Aber es gilt immer aufs Neue jener Grundsatz, den Präsident Harry Truman einst so beschrieb, als er mit General Douglas MacArthur über die Koreakriegsstrategie in Streit geriet: "Gibt es einen Grundstein unserer Verfassung, dann ist es die zivile Herrschaft über das Militär." Ließe ein Präsident sie von seiner Generalität infrage stellen, dann verletze er seinen Eid, die Verfassung zu wahren und zu verteidigen.

Die Krise trifft Barack Obama im denkbar schlechtesten Augenblick – und sie offenbart noch ein weit größeres Problem. Inmitten von Ölkatastrophe und hoher Arbeitslosigkeit wirft sie das Licht auf einen Krieg, der ein wenig aus dem Blick geraten ist und, wie es scheint, von Tag zu Tag schwieriger zu gewinnen ist. Ein Krieg, dessen Strategie General McChrystal entworfen hat – und die der Präsident unterstützt.

Mit aller Macht bringt der Streit um den General wieder in Erinnerung, wie fragil diese Strategie ist – und wie umstritten auch innerhalb der Obama-Regierung und ihren diversen Beraterkreisen. McChrystal glaubt felsenfest, dass der Krieg in Afghanistan zu gewinnen ist. Jedenfalls wenn man mehr Soldaten und zivile Aufbauhelfer entsendet, Opfer unter der Bevölkerung so weit wie möglich vermeidet, sich von Provinz zu Provinz vorkämpft, lokale Regierungen aufbaut – und einen langen Atem zeigt.

Der Präsident hat Ja dazu gesagt, jedenfalls im Prinzip. Er hat weitere 30.000 Soldaten an den Hindukusch geschickt und noch einmal viele Milliarden Dollar für diesen Krieg aufgebracht. Der Verteidigungsminister steht ebenso hinter diesem Plan und auch die Außenministerin.

Vizepräsident Joe Biden aber ist vehement dagegen, auch der amerikanische Botschafter in Kabul, ein ehemaliger General, und ebenso wohl der Chef des Nationalen Sicherheitsrats. Mühsam versammelten sich alle hinter ihrem Präsidenten und hielten in letzter Zeit den Mund. Doch jetzt wird der Zwist wieder offen aufbrechen, denn der General hat den Sturm auf seine eigene Strategie selbst freigegeben. Wenn auch ungewollt.

Alles wird jetzt wieder auf den Prüfstand gestellt werden: das gesamte Kriegskonzept sowie der von Obama versprochene allmähliche Rückzug ab Juli 2011. Die Nachrichten aus Afghanistan sind bitter. Bisher will die McChrystal-Strategie nicht greifen, der Erfolg bleibt aus.

Noch immer kämpfen die amerikanischen Truppen in der Provinz Marja, was laut McChrystal angeblich ein Spaziergang sein sollte. Der entscheidende Vormarsch auf Kandahar, den wichtigsten Stützpunkt der Taliban, verzögert sich darum. Je länger es dauert, desto schwieriger wird es, auch weil irgendwann wieder der Winter einkehrt.

Das mögliche Abzugsdatum im nächsten Sommer gerät in Gefahr. Und damit auch die Unterstützung vieler Demokraten für den Afghanistankrieg. Sie lassen sich nur bei der Stange halten, solange ein Ende in Sicht ist. Nervös und verärgert nehmen sie wahr, dass die Rückzugsversprechen immer weiter verwässert werden. Die Erklärungen sind dünn und verklausuliert.

Vergangene Woche drehten und wendeten sich Vertreter des Verteidigungsministeriums, als bei einer Kongressanhörung die Rede auf den Juli 2011 kam. Anscheinend ist dies nur noch ein vages Datum, das im Lichte vieler Herausforderungen gesehen werden müsse.

Ein Nachfolger für Stanley McChrystal wird sich finden, Generäle gibt es genug. Aber was wird aus dem Krieg? Das ist die viel dringlichere Frage. Gut möglich, dass der Präsident bald wieder vor sein Volk und die Nato-Partner treten muss, um sich und seine Pläne zu erklären. Doch diesmal kann er sich nicht wieder drei Monate dafür Zeit lassen. Die Liste gefallener Soldaten wird immer länger.