Die ersten Schlagzeilen gehörten dem Verlierer. Der Stimmenstreit zwischen Rechtsliberalen und Sozialdemokraten war noch in vollem Gang, als Jan Peter Balkenende vor die Kameras trat und seinen Rückzug bekannt gab. Vom Parteivorsitz, als Parlamentsmitglied, aus der Politik.

Der erdrutschartige Einbruch, der den Christdemokraten (CDA) mit 21 der 150 Tweede-Kamer-Sitze das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte brachte, ist das eindeutigste Resultat der niederländischen Parlamentswahlen. 20 Sitze Verlust, ein vierter Platz hinter Rechtsliberalen (VVD, 31 Sitze), Sozialdemokraten (PvdA, 30 Sitze) und Geert Wilders "Partei für die Freiheit" (PVV, 24 Sitze) – Balkenendes sofortiger Abgang war in seiner Dramatik der Situation durchaus angemessen.

Auch jenseits des Endes der Ära Balkenende ist das Wahlergebnis ein historisches: Erstmals seit rund 100 Jahren wurde die rechtsliberale "Volkspartei für Freiheit und Demokratie" (VVD) die größte Partei des Landes. "Es sieht danach aus", verkündete ein strahlender VVD-Chef Mark Rutte morgens um halb vier der begeisterten Basis. Voraus gegangen war ein stundenlanges Kopf-an-Kopf- Rennen mit Job Cohens Sozialdemokraten (PvdA), das bei Auszählung fast aller Stimmen mit einem Sitz Unterschied denkbar knapp endete.

Der unerwartet enge Ausgang bedeutete einen weiteren Bruch in einem von kurzlebigen Trends geprägten Wahlkampf: im März der Hype um die Kandidatur Cohens für die PvdA. Im Mai der Aufstieg der VVD als künftiger Zerberus des Staatshaushalts. Der zwischenzeitliche Absturz der noch im Winter so starken Rechtspopulisten um Geert Wilders. Und nun, nachdem die rechtsliberale VVD bis zwei Tage vor der Wahl einen klaren Umfragen-Vorsprung hatte, ein "Foto-Finish, wie das Land es noch nicht erlebt hat.

Das Ergebnis bestätigt das aktuelle Primat der Wirtschaft im politischen Diskurs der Niederlande, und zeigt in dieser Hinsicht einen deutlichen Rechts-Links-Kontrast. Allem Jubel der VVD zum Trotz liegt das Spar- und Beschäftigungsprogramm der Rechtsliberalen quasi gleichauf mit der Kaufkraft-Agenda der PvdA. Die Augen Europas waren am Mittwoch auch deshalb auf die Niederlande gerichtet, weil es die ersten Parlamentswahlen im EU- Kerngebiet seit der Griechenland- und Eurokrise waren. Dass neoliberale Konzepte, wie das der VVD, sich gerade unter verschärften Bedingungen als Vertrauen fördernd erweisen, bleibt unter diesem Gesichtspunkt als erstes Fazit.

Im niederländischen Kontext drückt sich darin vor allem eins aus: das Comeback eines (Markt-)Liberalismus, dem bei den Wahlen 2006, die Balkenende mit dem Slogan "Normen und Werte" gewann, noch eine deutliche Abfuhr erteilt wurde. Zusammen arbeiten, zusammen leben" setzten Christ-, Sozialdemokraten und die sozialcalvinistische Christen Union als Koalitionsmotto dagegen und propagierten die Rückkehr der Ethik in die Politik. Mark Rutte spottete damals über eine Regierung, die den Bürger bevormunde. Ganze dreieinhalb Jahre später hat sich der Wind wieder gedreht.