Tiefe Schatten um die Augen, grau im Gesicht, verkniffener Mund. Das berühmte Lächeln von Spaniens Regierungschef José Luis Zapatero (49) ist verschwunden. Stattdessen: Müdigkeit, Kraftlosigkeit und auch Resignation in seinen Zügen. Er wirkt um Jahre gealtert. Der Mann, dessen Land in einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise steckt, erlebt die schwärzesten Stunden seiner Karriere und gilt als schwer angeschlagen.

"Ein politischer Kadaver", urteilt hart Josep Antoni Duran, Sprecher der einflussreichen katalanischen Regionalpartei CiU. Im Moment findet man nur wenige Menschen auf Spaniens Straßen, die dem widersprechen. Die neusten Umfragen dokumentieren einen steilen Sturzflug Zapateros, der demzufolge nicht die geringste Chance hätte, die Wahl im Frühjahr 2012 zu gewinnen.

Der Niedergang geht so weit, dass dem blassen konservativen Oppositionschef Mariano Rajoy (55) bis zu zehn Prozentpunkte Vorsprung bescheinigt werden. Und dieses, obwohl Rajoy als biederer Technokrat ohne Charisma gilt. Und als ein ideenloser Langweiler, der auch in seiner eigenen Volkspartei eher unbeliebt ist.

Genau genommen genügten zwei Minuten, um Zapateros Image vom progressiven Ministerpräsidenten zu sprengen und seinen Absturz einzuleiten. Jene 120 Sekunden, in denen er jüngst im Parlament dem Volk das härteste Sparprogramm aller Zeiten verkündete: Kürzung von Sozialleistungen sowie Beamtenlöhnen, Einfrieren der Renten, Steuererhöhungen, das vorläufige Ende öffentlicher Bauvorhaben. Ein brutaler Axthieb ohne Vorwarnung, der sogar Zapateros Parteigenossen erzittern ließ.

Das war nicht mehr der nette Sozialist, der vor sechs Jahren den verknöcherten Konservativen José María Aznar aus dem Amt gedrängt hatte. Der angetreten war, um aus dem verstaubten Spanien einen modernen, wohlhabenden Sozialstaat zu machen. "Ich bin ein Roter", hatte er früher gerne in die Menge gerufen. Wenn Zapatero jetzt auf die Bühne tritt, schallen im Pfiffe und Buhrufe entgegen. Aus dem progressiven Sonnyboy wurde Spaniens Sündenbock.

Ihr Chef sei "lebendiger als je zuvor", flötet derweil pflichtbewusst die Regierungssprecherin. Doch die Anzeichen sprechen dagegen. Wie einsam es um Zapatero geworden ist, zeigte sich bei der Parlamentsabstimmung über das Horror-Sparpaket: Keine der anderen elf im Kongress vertretenen Parteien stützte Zapateros Radikalkur.

Und das in diesen harten Krisenzeiten, die eigentlich einen nationalen Schulterschluss erfordern. Mit mehr als 20 Prozent Arbeitslosen, einem riesigen staatlichen Schuldenberg. Sogar die Gewerkschaften, die bisher aus linker Solidarität stillhielten, kündigten dem Sozialisten die Freundschaft und riefen zu Streiks auf.

 

"Der Zauber Zapateros ist dahin", titelte Spaniens größte Zeitung, das linksliberale Blatt El Pais . Zapateros flammende Leidenschaft, mit der er es früher geschafft habe, den Menschen Hoffnung einzuimpfen, sei erloschen.

"Pessimismus schafft keine Arbeitsplätze", antwortete Zapatero seinen Kritikern, die ihm ankreiden, dass er Spaniens absehbaren Immobiliencrash lange Zeit ignorierte. Dass er die folgende halsbrecherische Talfahrt der Wirtschaft schönredete, während EU-Kommission und Währungsfonds bereits unruhig mit den Füßen scharrten. Selbst aus der eigenen Partei wird ihm vorgehalten, viel zu spät und konzeptlos reagiert zu haben.

Dabei hatte Zapateros Karriere mit bemerkenswerten Paukenschlägen angefangen. Schon sein Dienstantritt im Jahr 2004 sorgte für Aufsehen: Weil er als erstes Spaniens Soldaten aus dem Irak zurückpfiff. Auf Dialog statt auf Gewalt setzte. Auch mit der baskischen Terrorgruppe Eta, obgleich vergeblich, Friedensgespräche suchte.

Und weil sich der erklärte "Feminist" und "Anti-Macho" im Land der Stierkämpfer für soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung einsetzte. Ein Kabinett präsentierte, das zur Hälfte aus Frauen besteht. "Wir werden jede Diskriminierung aus ideologischen oder religiösen Gründen ausrotten." Dies hörte sich gut an.

Er boxte soziale Fortschritte durch: Homo-Ehe, Express-Scheidungen, Vaterschaftsurlaub. Oder Elterngeld, Wohnungs- und Studienhilfen für junge Leute, sowie Pflegeleistungen für Alte. Errungenschaften, die nun wegen des Sparzwanges wieder gekappt wurden.

Nur eines vergaß der große Erneuerer: Die Reform der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes. Zwar brummte der Motor, als Zapatero das Ruder übernahm. Vor allem, weil der Staat auf rücksichtsloses Wachstum der Bau- und Immobilienbranche setzte. Doch als der überhitzte Markt plötzlich zusammenbrach, begann der Fall ins Bodenlose. Sowie das persönliche Drama von inzwischen 4,5 Millionen Arbeitslosen.

Es gibt bis heute kein Netz, das diesen Sturz auffangen könnte. Investitionen in Zukunftsmärkte, genauso wie in Bildung und Wissenschaft, wurden verschlafen. Und was noch schlimmer ist: Es ist auch kein Politiker in Sicht, dem das spanische Volk zutrauen würde, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen.