Aufruhr in den Städten Nordirlands, vier Nächte lang, mit allem, was dazugehört. Brennende Autos, Molotowcocktails, Barrikaden und Horden Jugendlicher und Kinder, einige kaum 10 Jahre alt, die die Polizei mit einem Hagel von Wurfgeschossen eindecken. Auch Schüsse fielen, drei Beamte der PSNI, der nordirischen Polizei, wurden verletzt. Das ganze spielte sich in den katholischen Arbeiterquartieren von Belfast und Derry ab, aber die Ausschreitungen waren nicht nur auf diese Viertel beschränkt. Maskierte Männer attackierten Vorortzüge, scheiterten bei dem Versuch, einen Zug zu kidnappen. Am Mittwochnachmittag entschärften Experten der britischen Armee einen Sprengsatz, der in einer Kaffeedose versteckt war.

Es war fast wie in den dunklen Zeiten der troubles , die Nordirland eigentlich gehofft hatte überwunden zu haben. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied, und der betrifft die republikanische Bewegung, also Sinn Fein/IRA. Martin McGuiness, Vizepremier der nordirischen Regierung, verurteilte die Aktionen. Sinn-Fein-Politiker sprachen davon, dass "republikanische Dissidenten" die Unruhen bewusst angezettelt hätten und sich dabei "antisozialer Elemente" bedient hätten.

Die irische Regierung in Dublin wurde sehr viel deutlicher: Außenminister (sic!) Micheal Martin sagte, es seien "sinistre Kräfte" am Werk, darauf aus, "gelangweilte und benachteiligte Kinder und Jugendliche" zu benutzen, um so "eine neue Generation von Märtyrern" zu schaffen. Sie hätten es bewusst darauf angelegt, Kämpfe mit der Polizei zu inszenieren, in der Hoffnung, dass einige der Aufrührer dabei schwer verletzt würden oder ums Leben kämen, um so Helden zu schaffen und andere für ihre Sache zu inspirieren.

Man kann nachvollziehen, warum es Sinn-Fein-Ministern in der Regierung von Belfast nicht ganz leicht fällt, die Umtriebe der republikanischen Dissidenten in ähnlich scharfer Sprache zu verurteilen, wie es der irische Außenminister tat. Martin McGuiness und Sinn-Fein-Präsident Gerry Adams müssen auf die Gefühle ihrer Basis Rücksicht nehmen. Hier und dort herrscht noch klammheimliche Sympathie für Leute, die den Kampf nicht aufgeben wollen und immer noch gerät republikanisches Blut angesichts von Protesten gegen die Märsche des protestantischen Oranier-Ordens in Wallung.

Im Grunde war die republikanische Bewegung unter Adams und McGuiness nach ähnlichem Muster verfahren. Nachdem sich die IRA für den politischen Weg entschieden und der Illusion entsagt hatte, die mythische irische Republik könne herbeigebombt werden, hatte man die Proteste gegen die allsommerlichen Märsche der protestantischen Oranier systematisch geschürt und eskalieren lassen.

So dienten die Ausschreitungen und Blockaden in Drumcree und der Lower Ormeau Road in Belfast seit den späten neunziger-Jahren dazu, den Hardlinern in der Bewegung einen Ersatz für den bewaffneten Kampf in Form von Randale und Straßenkämpfen zu verschaffen, als letztlich legitimer Ausdruck des Protestes gegen die Märsche des Oranier-Ordens. Bevor diese Märsche so einen Stellenwert erhielten, hatten viele Katholiken sie noch eher belustigt als folkloristisches Spektakel betrachtet oder auch gar nicht beachtet.

Zum neuen Nordirland, das sich in den vergangenen zwölf Jahren nach dem Karfreitagsabkommen von 1998 herausgebildet hat, gehören nicht nur Selbstverwaltung, Ministerposten und andere Insignien politischer Respektabilität. Alle Parteien haben damit zugleich eine politische Ordnung akzeptiert, die den beiden Stämmen der nordirischen Provinz – Katholiken wie Protestanten – das Recht einräumt, auch ihre historischen Gedenktage zu begehen.