Wenn von Afrikas Musterstaaten die Rede ist, dann wird gern von Mali gesprochen. Die westafrikanische Republik gilt, gemessen an den Verhältnissen auf dem Kontinent, als beispielhafte Mehrparteiendemokratie. Seit sich das Land 1992 eine Verfassung nach französischem Vorbild gab, wird die Politik in Mali mit Wahlurnen gemacht, und nicht mehr mit Waffen. Von den 17 ehemaligen Kolonien, die in diesem Jahr den 50. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit von Frankreich feiern, ist Mali eines der politisch stabilsten und friedlichsten Länder.

Politisches Zentralgestirn und treibende Kraft ist der parteilose Präsident Amadou Toumani Touré, den seine Landsleute nach französischer Abkürzungsmanier ATT nennen. Der Generaloberst führte nach dem Sturz des Diktators Moussa Traoré 1991 schon einmal kurzfristig eine Übergangsregierung, gab dann aber die Macht an den gewählten Präsidenten Alpha Oumar Konaré ab. Vor acht Jahren kehrte ATT in freien Wahlen an der Spitze des Landes zurück. Er wird von den meisten der rund 100 malinesischen Parteien unterstützt.

Die Demokratie, wie Touré sie sich für Mali vorstellt, ist nicht sonderlich konfrontativ. Zu viel Debatte hält er für schädlich, deshalb werden die großen politischen Fragen nicht öffentlich diskutiert. Die Wahlbeteiligung lag 2007 nur bei 36 Prozent, und die viel gepriesene Pressefreiheit kommt spätestens dann an ihre Grenzen, wenn eine der zahllosen Hauptstadtgazetten über das Privatleben des Präsidenten schreibt. Trotz dieser Einschränkungen bleibt der Wille Malis, nach Jahrzehnten der Diktatur eine demokratische Ordnung aufzubauen, nicht nur im afrikanischen Maßstab bemerkenswert.

Über den Lebensstandard der Menschen sagt das Vorhandensein freier Wahlen allerdings nichts aus. Mali ist einer der ärmsten Flecken der Erde. Das Land, dreieinhalb Mal so groß wie Deutschland, besteht zu 60 Prozent aus Wüste. Der Boden, der 14 Millionen Einwohner ernähren soll, ist trocken und rissig. Schon jetzt kann nur ein Viertel zur Landwirtschaft genutzt werden, und die Sahara frisst sich immer weiter vor. Wenn zusätzlich eine Dürre hereinbricht, drohen Hunderttausenden Hunger und Tod. Gerade hat das Internationale Rote Kreuz angekündigt, die geplante Nothilfe für Dürreopfer in Nigeria und Mali aus aktuellem Anlass um ein Drittel auf 33,9 Millionen Euro zu erhöhen.

Auf dem UN-Index für menschliche Entwicklung bekleidet Mali einen traurigen fünftletzten Platz von insgesamt 182 Ländern. Konkret heißt das: Nur jeder Vierte kann lesen, zwei Drittel der Bevölkerung leben von weniger als einem Dollar pro Tag, ein Fünftel der Kinder stirbt noch vor dem sechsten Geburtstag, die mittlere Lebenserwartung liegt bei wenig mehr als 50 Jahren.

Ausländische Diplomaten bestätigen Mali zwar regelmäßig sein Bemühen auch angesichts der extremen Armut die Menschenrechte zu wahren, die Stellung der Frau bleibt jedoch ein Problem in der mehrheitlich muslimischen Gesellschaft. Polygamie ist bis heute anerkannte Praxis ebenso wie die Genitalverstümmelung, von der rund 85 Prozent der Frauen betroffen sind. Die Regierung lässt Aufklärungskampagnen von Hilfsorganisationen zu, hält ein gesetzliches Verbot aber für verfrüht.