Psychologisch wird dieser Dienstag spannend. Israels Premier Benjamin Netanjahu besucht US-Präsident Barack Obama im Weißen Haus. Sie haben konfrontative Monate hinter sich. Folgt nun ein Versöhnungstreffen oder setzt sich der Kampf zweier politischer Alphatiere fort, wer nachgeben muss?

Frostig war das Klima bei Netanjahus Besuch Ende März. Obama verweigerte ihm den gemeinsamen Auftritt vor den Kameras. Er wollte zeigen, dass er die Behandlung seines Vizepräsidenten Joe Biden wenige Tage zuvor als Affront empfand. Kurz nach Bidens Ankunft in Israel kündigten die Behörden den Bau neuer Siedlungen in Ost-Jerusalem an. Obama hatte einen Siedlungsstop verlangt. Er möchte Friedensgespräche zwischen Israelis und Palästinensern vermitteln.

Der nächste Termin Anfang Juni fiel ganz aus. Der tödliche Ausgang der Militäraktion, mit der Israel eine türkische Hilfsflotilla daran hindern wollte, die Blockade des Gaza-Streifens zu durchbrechen, zwang Netanjahu, seine Nordamerikareise nach dem Besuch in Kanada abzubrechen. Und er stellte Obama vor die Wahl, welchen der beiden engen Verbündeten er in dem Konflikt unterstützen und wen im Umkehrschluss vor den Kopf stoßen wolle: die Türkei oder Israel.

Dazwischen lag ein weiterer Streit um den Umgang mit Israels Atomwaffen. Die UN-Konferenz zur Überprüfung des Atomsperrvertrags endete im Mai mit der Forderung nach einer atomwaffenfreien Zone Nahost und einer internationalen Konferenz zu deren Umsetzung 2012. Auch die USA trugen diesen Kompromiss mit, weil arabische Staaten gedroht hatten, sonst die ganze Konferenz scheitern zu lassen. Es ist ein papierner Triumph für alle, die Israel zur Aufdeckung – und Aufgabe – seines Atomwaffenarsenals zwingen wollen. In der Praxis wird wohl gar nichts daraus folgen. Israel hat weder den Atomsperrvertrag unterschrieben noch an der Konferenz teilgenommen.

Amerikanischen Medien dient der Vorgang als neues Beispiel, wie politisch schwach oder gar "verlogen" die Vereinten Nationen seien. Iran, das die Kontrollauflagen des Vertrags laut der Überprüfungsbehörde IAEA seit Jahren verletzt, wird in der Erklärung gar nicht erwähnt. Israel dagegen an den Pranger gestellt, obwohl es nicht an den Vertrag gebunden ist. Die Regierung Obama distanzierte sich von ihrer Zustimmung zu dem Dokument, indem sie diese beiden Kritikpunkte hervorhob. Doch im bilateralen Verhältnis blieb eine Belastung.

Bisher hatten die USA Israels Politik, die Atomwaffen nicht zu erwähnen, mitgetragen. Israelische Diplomaten meinten verstanden zu haben, das gelte auch für die Überprüfungskonferenz. US-Außenpolitiker sagen dagegen, sie hätten Israel vorab informiert, dass sie die Konferenz nicht ein zweites Mal, wie 2005, an dieser Frage scheitern lassen wollten und deshalb zu dem papiernen Kompromiss bereit seien. Israel fühlte sich jedoch im Stich gelassen von seinem engsten Verbündeten.

Trotz der Vorgeschichte prognostizieren Amerikas Nahost-Experten, Netanjahus Besuch bei Obama werde ein "feel good"-Treffen. Es gehe darum, "die Iden des März" hinter sich zu lassen, zitiert die New York Times David Makovsky vom Institut für Near East Policy unter Anspielung auf die römische Geschichte. In der Washington Post listet Martin Indyk, US-Botschafter in Israel unter Bill Clinton und heute einer der prominentesten Nahost-Fachleute bei der Brookings Institution, auf, welche Vorleistungen Netanjahu und Obama erbracht haben, um doch noch ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. In der Öffentlichkeit sei das weitgehend unbemerkt geblieben.