Luis Alfonoso Hoyos nahm kein Blatt vor den Mund. Die Guerillagruppen Farc und ELN unterhielten auf venezolanischem Territorium insgesamt 87 Lager, in denen sie neue Angriffe auf seine Heimat vorbereiteten, sagte der kolumbianische Botschafter vor der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in Washington. Dann präsentierte er den Vertretern der 34 Mitgliedsländer Videos, Karten und Fotos. Sie sollten beweisen, dass die venezolanische Regierung bis zu 1500 kolumbianische Guerilleros in ihrem Territorium duldet.

Kaum hatte Hoyos seinen Auftritt beendet, trat Venezuelas Präsident Hugo Chávez in Caracas vor die Presse. Venezuela breche die diplomatischen Beziehungen mit Kolumbien ab. Hoyos' Chef, der scheidende kolumbianische Präsident Álvaro Uribe, sei ein "Kranker", ein "Mafioso", ein "Lügner". Uribe sei fähig, im venezolanischen Dschungel ein falsches Guerillacamp zu errichten, um einen Krieg zwischen beiden Nationen auszulösen. "Wir werden nicht hinnehmen, dass unsere Souveränität verletzt wird", sagte Chávez und ordnete erhöhte Alarmbereitschaft für die Truppen an der Grenze an.

Es handelt sich um eine Krise auf Ansage: "Wir erlauben es nicht, dass der Terrorismus Zuflucht findet", hatte Uribe vergangene Woche in seiner Abschiedsrede vor dem Kongress gesagt. Kurz darauf zeigte Uribes Verteidigungsminister Gabriel Silva Videos, auf denen mehrere bekannte Farc-Kämpfer, darunter ein Mitglied des engsten Führungszirkels, Iván Márquez, in Lagern auf venezolanischem Boden zu sehen sein sollen. Hoyos legte in der OAS-Dringlichkeitssitzung noch einmal nach. Sein Vorschlag, eine internationale Untersuchungskommission nach Venezuela zu entsenden, wurde von den übrigen OAS-Staaten ignoriert.

Kolumbien habe der Regierung von Präsident Chávez genaue Informationen und Koordinaten übergeben, um gegen die Rebellen vorzugehen. Diese habe, statt zu kooperieren, mit "Beleidigungen und Spott" geantwortet, sagte Hoyos. Die kolumbianischen Guerillakämpfer fühlten sich im Nachbarland wie "in einem Sommerlager, sie werden dick, ruhen sich aus, und bereiten neue Angriffe auf Kolumbien vor." Hoyos' Beweismaterial war neu, seine Vorwürfe und die Reaktion Venezuelas sind es nicht.

Im März 2008 erbeuteten kolumbianische Soldaten während eines Angriffs auf das Lager des Farc-"Außenministers" Raúl Reyes in Ecuador dessen Computer. Die Ermittler fanden darin belastende Dokumente über die Verbindungen der von USA und EU als terroristisch eingestuften Farc mit den Regierungen in Caracas und Quito. Hugo Chávez zog damals schon einmal seinen Botschafter aus Bogotá zurück und schloss die Grenze zum Nachbarland. Den florierenden Handel zwischen beiden Ländern traf das hart: Die kolumbianischen Exporte ins Nachbarland erwirtschafteten im Jahr 2008 noch 6 Milliarden Dollar – im kommenden Jahr werden sie auf voraussichtlich 1,5 Milliarden Dollar fallen.

Chávez verliert wegen seiner Blockadehaltung zunehmend an Glaubwürdigkeit. Die Präsenz von ELN und Farc in Venezuela ist ein offenes Geheimnis, über das aus Angst vor Repressalien niemand spricht. In den Grenzgebieten Apure und Tachira erpressen die Rebellen Schutzgeld und entführen diejenigen, die nicht zahlen wollen. Opfer sind Geschäftsleute, aber auch Viehzüchter und Landwirte. Deren Verband Fedenaga gab im August vorigen Jahres die genauen Standorte von drei Farc-Lagern in Apure bekannt. "Die Bevölkerung ist höchst besorgt, insbesondere die Landwirte, weil sie von der Guerilla erpresst werden", sagte der damalige Fedenaga-Präsident Genaro Méndez. Sein Gremium habe die Sicherheitskräfte informiert, "diese wollten aber nicht handeln", sagt Méndez. Mittlerweile hat Fedenaga einen neuen Präsidenten. An den anarchischen Zuständen an der über 2000 Kilometer langen, schwer zu überwachenden grünen Grenze zu Kolumbien hat sich nichts geändert.

ELN und Farc hätten ihre Einflussgebiete in den venezolanischen Grenzregionen abgesteckt, sagt der Generalsekretär der oppositionellen COPEI-Partei, José Manuel Solorzano, und beruft sich auf Recherchen seiner Partei. Im Süden Tachiras und Westen von Apure dominierten die Kämpfer der ELN, im Westen von Apure die Farc, sagt der Chávez-Kritiker zu ZEIT ONLINE. "Die Bevölkerung lebt in Angst, viele fliehen. Der venezolanische Staat glänzt durch Abwesenheit." COPEI habe im Mai 2008 Anzeige erstattet, um eine Untersuchung der Zustände in den Grenzgebieten ins Rollen zu bringen, sagt Solorzano. "Ich bin seitdem siebenmal bei der Staatsanwaltschaft gewesen. Passiert ist trotzdem nichts."