Robert Sedlatzek-Müller schaut sich prüfend um. Der ehemalige Fallschirmjäger spannt den hageren Körper an. Er rutscht auf dem Sofa hin und her. Sedlatzek-Müller wartet in einem Abgeordnetenbüro in Berlin am Boulevard Unter den Linden und hofft, dass seine Reise nicht umsonst gewesen ist.

Der ehemalige Soldat hat sich früh am Morgen im niedersächsischen Stade in sein Auto gesetzt und ist gemeinsam mit einem früheren Kameraden die rund 350 Kilometer in die Hauptstadt gefahren. Er ist hier, um mit Politikern über die Versorgung von Kriegsveteranen zu sprechen. Er hat in Afghanistan für Deutschland gekämpft. Nun kämpft er für seine Rechte und für die Versorgung anderer traumatisierter und verwundeter Kriegsveteranen .

Der ehemalige Elitesoldat der Division Spezielle Operationen hat in den vergangenen Wochen und Monaten mit vielen Politikern gesprochen, Briefe und E-Mails geschrieben. Sein Fall kam bis in das Büro von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Die Deutsche Kriegsopferfürsorge , eine Organisation die das Interesse verwundeter und traumatisierter Soldaten vertritt, unterstützt ihn dabei. Nun scheint Sedlatzek-Müller fast am Ziel zu sein.

Er wartet gemeinsam mit seinem Kameraden und dem FDP-Abgeordneten Serkan Tören aus dem Wahlkreis Stade auf Elke Hoff. Tören hat einen Termin bei der Verteidigungsexpertin der Liberalen organisiert. Hoff will die Einsatzversorgung von Soldaten verbessern, die im Ausland gedient haben. Der Ex-Fallschirmjäger hofft auf weitere politische Unterstützung. Parlamentarier der CDU und der SPD haben sich seinem Fall bereits angenommen, Sedlatzek-Müller will aber auch anderen Betroffenen helfen.

Sein Blick huscht wieder durch den Raum. Er bleibt an einem gerahmten Foto auf der Fensterbank hängen. Es zeigt Elke Hoff mit Stanley McChrystal, den ehemaligen Kommandeur der Internationalen Afghanistan Schutztruppe, in Kabul. Der ehemalige Soldat kennt die afghanische Hauptstadt, das Isaf-Hauptquartier, das internationale Camp Warehouse. Drei Mal war er am Hindukusch.

Die Tür schwingt auf. Hoff kommt herein, nimmt gegenüber der Veteranen Platz. "Wie geht es ihnen", fragt sie. Und das ist nicht als Floskel gemeint. Sedlatzek-Müller und sein Kamerad leiden am Posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS). Sie wurden 2002 bei einer Explosion in Afghanistan schwer verletzt – nicht nur der Körper nahm Schaden.

Monate nach dem Einsatz stellten sie fest, dass sie sich immer mehr veränderten. Sedlatzek -Müller bekam Albträume – nachts und am Tag . Er erlebt in sogenannten Flashbacks die Szenen des Krieges immer und wieder. Er leidet an Schlaflosigkeit, Essstörung, Nesselsucht, Unruhe und Aggressivität. Er kann keinen Raum betreten, ohne nach Fluchtwegen zu suchen. Er meidet offene Rasenflächen, weil dort ja Tretminen liegen könnten. Er wird den Krieg nicht los.

Seinem Freund geht es ähnlich. Er lebt von Hartz IV, weil er nach dem Abschied von der Bundeswehr im zivilen Leben als traumatisierter Veteran nie Fuß fassen konnte. Sedlatzek-Müller macht eine Ausbildung zum Erzieher. Beide wurden untherapiert aus der Bundeswehr entlassen und mit ihren Problemen lange allein gelassen.

Und die beiden sind keine Einzelfälle. Weil mittlerweile zahlreiche Medien nach ersten Artikeln auf ZEIT ONLINE und Sendungen des NDR über Sedlatzek-Müller berichtet haben, wandten sich weitere Betroffene an Sedlatzek-Müller. Er steht in Kontakt mit zahlreichen verwundeten und traumatisierten Soldaten, die Hilfe brauchen. Und auch die Kriegsopferfürsorge berichtet von weiteren Veteranen, die von der Bundeswehr in Stich gelassen wurden.

Elke Hoff, Ernst-Reinhard Beck von der CDU und andere Parlamentarier wollen nun die Versorgung von traumatisierten und verwundeten Veteranen sowie des Zivilpersonals verbessern. Noch vor der Sommerpause haben alle Bundestagsfraktionen den Antrag "Verbesserung der Regelungen zur Einsatzversorgung" erhalten, der ZEIT ONLINE vorliegt. Es habe sich zwischenzeitlich erwiesen, dass die bisherige Gesetzgebung eine Fortentwicklung benötige, heißt es darin im Juristendeutsch.