Mythos Eins: Wir können nicht gewinnen, weil der Krieg asymmetrisch ist

Der Krieg in Afghanistan könne nicht gewonnen werden, weil er eben ein asymmetrischer Konflikt sei, in dem konventionelle Streitkräfte den Aufständischen unterliegen müssten. So lautet ein oft genutztes Argument, das durch den Verweis auf Vietnam noch gestärkt wird. Es stimmt zwar durchaus, dass asymmetrische Auseinandersetzungen von regulären Streitkräften einen hohen Blutzoll verlangen, der ist aber dennoch viel geringer als in konventionellen Konflikten. Dass die Taliban in Afghanistan überhaupt asymmetrisch kämpfen ist zwar gegenwärtig eine erfolgreiche Strategie, sie ist aber auch die einzige, die ihnen zur Verfügung steht. Für jede andere Form der Auseinandersetzung sind sie zu schwach.

Und so wundert es wenig, dass reguläre Armeen auch asymmetrische Konflikte gewinnen können. Die Vereinigten Staaten wendeten den Lauf des Irak-Kriegs, obwohl das 2007, vier Jahre nach dem Beginn, kaum noch ein Beobachter für möglich hielt. Aus dem ursprünglich gegen die vermeintlichen Besatzer gerichteten Aufstand war bereits ein voll entfalteter, ethnisch und religiös aufgeladener Bürgerkrieg geworden. Dennoch führten eine veränderte Strategie, Kooperation mit lokalen Milizen und eine Stärkung der Zentralgewalt zu einer überraschenden Wende.

Diese Konflikte zeigen auch, dass die entscheidende Variable in asymmetrischen Kriegen die externe Unterstützung für den Gegner ist. Gelingt es ihm, dauerhaft Mittel von außen zu sichern und in Nachbarstaaten auszuweichen, dann können reguläre Streitkräfte in einen aussichtslosen Kampf verwickelt werden. Irgendwann müssen sie sich dann zurückziehen. In Vietnam war es die massive militärische Unterstützung der Sowjetunion und der Volksrepublik Chinas für Nordvietnam, verbunden mit den Rückzugsmöglichkeit für die Vietcong im Norden und in den Nachbarstaaten Vietnams, die es den USA unmöglich machte, die Oberhand zu gewinnen. Ob eine reguläre Armee in einen symmetrischen oder asymmetrischen Konflikt geführt wird, sagt also nichts darüber aus, ob sie den Konflikt verlieren oder gewinnen wird.

Mythos Zwei: Wir können nicht gewinnen, weil der Gegner entschlossener ist und auf vertrautem Gebiet kämpft

Verbreitet ist auch die Annahme, dass der Kampf des Westens in Afghanistan deshalb aussichtslos sei, weil die Taliban entschlossener und radikaler seien. Deswegen kämpften sie auch rücksichtsloser als westlich geprägte Streitkräfte, heißt es. Dabei offenbart bereits ein Blick in die deutsche Geschichte, dass dies keineswegs ein entscheidender Faktor ist. So ist inzwischen eindrucksvoll belegt, dass die Alliierten 1944 während der deutschen Offensive in den Ardennen auf zum Teil fanatisierte deutsche Soldaten trafen, von denen gerade die jüngeren in unmittelbarer Erwartung des Endsiegs kämpften. Genutzt hat diese Entschlossenheit der Wehrmacht und der SS nicht, übrigens genauso wenig wie die Vertrautheit mit dem Terrain, auf dem der Kampf geführt wurde. Am Ende entschied die alliierte Luftüberlegenheit über den Ausgang der Schlacht. Tatsächlich ist nicht die Radikalität und Rücksichtslosigkeit einer Kriegspartei entscheidend für den Ausgang eines Krieges, sondern etwas völlig anderes: die Lern- und Anpassungsfähigkeit einer Kriegspartei. Und besonders radikale Gegner lernen langsam.