Die Angreifer schlagen tief in der Nacht zu. Sie zünden um 3.20 Uhr in Kundus eine Autobombe vor dem Gebäude einer amerikanischen Hilfsorganisation. Dann stürmen sechs Bewaffnete in das Quartier. Im Erdgeschoss versuchen Wachleute die Angreifer zu stoppen und eröffnen das Feuer. Sie erschießen die Terroristen. Aber auch ein deutscher Söldner wird schwer verwundet. Eine Kugel trifft ihn in den Bauch. Am frühen Morgen des 2. Juli 2010 stirbt Rouven Beinicke.

Der ehemalige Fallschirmjäger der Bundeswehr arbeitete für die britische Sicherheitsfirma Edinburgh International, schreibt das Nachrichtenmagazin Focus . Sein erster Einsatz führte ihn gleich nach Afghanistan. Dort sollte er das Gebäude von Development Alternatives (DAI) bewachen und Bodyguards ausbilden.

Wie viele Deutsche gegen Bezahlung in Afghanistan als Leibwächter, Wachleute, Hundeführer, Ausbilder oder kämpfende Söldner arbeiten, ist nicht bekannt. Die gesamte Zahl der privaten Sicherheitskräfte wird dort auf bis zu 40.000 geschätzt. Rund 50 Sicherheitsfirmen wie Xe Services (früher Blackwater), Dyncorp, Edinburgh International oder NLC Holding sind in Afghanistan aktiv. Sie vermitteln sogenannte Contractors, die sie auf der ganzen Welt rekrutieren: Viele der Söldner haben früher in osteuropäischen Armeen, bei den amerikanischen, britischen oder anderen Streitkräften gedient. Die größte Zahl der Sicherheitskräfte kommt jedoch aus Afghanistan – sie sind alte Kämpfer des Bürgerkrieges oder gerade ausgebildete Polizisten sowie Soldaten. Bei den privaten Anbietern verdienen die Männer in der Regel deutlich mehr als beim Staat.

Der Einsatz der Söldner soll noch in diesem Jahr enden. So will es der afghanische Präsident Hamid Karsai. Er hat am Dienstag bekannt gegeben, dass die privaten Sicherheitsanbieter aus dem Land verbannt werden sollen. Innerhalb von vier Monaten müssen die Firmen ihre Mitarbeiter abziehen und das Land verlassen. Afghanische Unternehmen müssen sich auflösen. Zur Begründung sagte Karsai, er könne nicht länger die Existenz von parallelen Sicherheitsstrukturen dulden. In seinem Dekret heißt es, dass das Verbot der privaten Dienstleister für mehr Sicherheit der Bevölkerung, dem Kampf gegen Korruption und Missbrauch von Waffen sowie Militäruniform dienen solle. Karsai fordert die internationale Gemeinschaft gleichzeitig auf, die afghanischen Sicherheitskräfte zu stärken, damit sie die Aufgaben der Söldner und privaten Wachleute übernehmen könnten.

Seine internationalen Partner hat Karsai mit seinem Vorstoß überrascht und verärgert. Die Nato, die amerikanische Regierung und das Bundesverteidigungsministerium hatten mit diesem Schritt zu diesem Zeitpunkt nicht gerechnet. Zwar hatten im Februar 2009 die Afghanen bereits die Schließung von 30 Sicherheitsfirmen beschlossen. Damals erhielten aber gleichzeitig 39 Firmen eine Lizenz für ein Jahr, darunter war auch Xe Services. Die lizenzierten Unternehmen mussten ihre Waffen registrieren lassen, die Mitarbeiter anmelden und 300.000 US-Dollar als Sicherheit hinterlegen. Einige Unternehmen sollen dennoch ohne Lizenz gearbeitet haben.

Karsai wollte im vergangenen Jahr die Sicherheitskräfte noch stärker einschränken. Dagegen protestierten aber die Amerikaner und mancher afghanischer Spitzenpolitiker, denn zahlreiche Parlamentarier und Minister sind selbst an solchen Unternehmen beteiligt.

Die Kunden der Sicherheitsfirmen sind ausländische Botschaften, Medien, Hilfsorganisationen, das amerikanische Militär und die staatlichen Entwicklungshelfer. Aber auch vor vielen Hotels und Bars stehen mit Kalaschnikow bewaffnete Wachleute, die von Firmen aber auch Warlords vermietet werden. Sie begleiten auch viele Lkw-Konvois, die etwa vom pakistanischen Hafen Karatschi den Nachschub für die 43 ausländischen Truppensteller ins Land bringen oder private Tankwagen, die Treibstoff transportieren.