Canberras Elite liebt das Hinterzimmer, liebt den politischen Mord. Die australische Premierministerin Julia Gillard und Oppositionsführer Tony Abbott haben ihr Faible für Umstürze in den eigenen Reihen jüngst einträchtig bewiesen. Erst Ende 2009 meuchelte der liberalkonservative Abbott seinen Vorgänger im Amt, Malcolm Turnbull, als der dem Klimaschutzprogramm der regierenden Australian Labor Party (ALP) zustimmen wollte. Am 23. Juni putschte die Sozialdemokratin Gillard in einer Nacht- und Nebelaktion gegen Kevin Rudd, weil dieser eine Steuer auf Gewinne der Bergbauindustrie plante. Am Morgen danach bleib Rudd, in auswegloser Lage, nur der Rücktritt als Partei- und Regierungschef.

Nun treffen Gillard und Abbott am Samstag bei vorgezogenen Parlamentswahlen aufeinander. Gezeichnet von Illoyalität und Intrige liefern sie sich, wie politische Beobachter meinen, den inhaltlich eintönigsten Wahlkampf der noch jungen australischen Geschichte. In Shopping Malls und bei Sportveranstaltungen schütteln die Kandidaten täglich Tausende Hände. Doch mit ihren Einlassungen bleiben sie meist im Ungefähren, sie präsentieren sich arm an Ideen und begegnen einander mit Taktiererei und Opportunismus.

In Australien ist das Wählen Pflicht. Im großflächigen Inneren des Kontinents, dem Outback, werden Wahlurnen sogar von Flugzeugen abgeworfen, heißt es, damit keine Wählerstimme verloren geht. Ob sie wollen oder nicht – 14 Millionen Wahlberechtigte unter insgesamt 22 Millionen Australiern werden alle drei Jahre an die Urnen gerufen. Wer nicht wählt, zahlt saftige Geldbußen. Die Begeisterung aber, auf einen der beiden Pokerspieler um die Macht zu setzen, ist diesmal äußerst gering. Zu offensichtlich, dass es beiden einzig darum geht, die eigene Machtposition abzusichern.

Im Repräsentantenhaus gilt das Mehrheitswahlrecht, dennoch könnte es knapp ausgehen und die neue Regierung von ein oder zwei Abgeordneten abhängen. Nutznießer der zeitgleichen Neuwahl der Hälfte der Senatoren im australischen Oberhaus dürften nach übereinstimmenden Prognosen die Grünen werden. Sollten Liberals und National Party eine knappe Mehrheit im Repräsentantenhaus gewinnen, wäre das für Labor ein jäher Machtverlust – nach nicht einmal drei Regierungsjahren.

Erst 2007 gelang es dem Labor-Mann Rudd, nach einem für australische Verhältnisse ungewöhnlich thematischen Wahlkampf, den konservativen John Howard zu schlagen, mit Plänen für eine aktive Klimapolitik und einer Stärkung von Arbeitnehmerrechten. Doch mehrere Reformen von Rudd/Labor scheiterten. Mal am Widerstand der australischen Bundesstaaten, etwa eine von Gillard geleitete Bildungsoffensive ("Education Revolution"). Mal an den Mehrheitsverhältnissen im Senat, in dem Liberalkonservative und Grüne Rudds großes Reformprojekt, einen Emissionshandel zum Klimaschutz, scheitern ließen. Für diese Fehlschläge muss Gillard nun geradestehen.

Tony Abbott indes kämpft gegen ein Negativ-Image, das er als Minister im Kabinett Howard erworben hatte. Wiederholt entfuhren ihm unreif und machohaft wirkende Sprüche. "Klimawandel ist Blödsinn" lautet eine solche Simplifizierung, von der er sich inzwischen mit Nachdruck distanziert. Im Gegensatz zur unverheirateten Atheistin Gillard hat der bekennende Katholik mehrere Kinder. Mit seinem Konservatismus übertrumpft er zuweilen sogar seinen Mentor, den Altpatriarchen Howard. In modernen, emanzipierten Schichten des Landes stößt das auf Ablehnung. Abbotts Kritik, die Zahl der Abtreibungen in Australien sei "beschämend hoch", dürfte ihn zahlreiche weibliche Wählerstimmen kosten.

Gillards Sympathiewerte sind etwas besser – doch einen klaren Favoriten auf den Wahlsieg gibt es nicht. Um drängende Probleme wie eine eklatante Wohnungsnot verbunden mit exorbitanten Häuserpreisen lavieren beide Kandidaten herum. Bevölkerungswachstum gepaart mit einem schmählich vernachlässigten Wohnungsbau entwickelte sich in den Howard-Jahren zu einem Grundübel. Unter Rudd stiegen die Immobilienpreise unvermindert weiter. Der ließ sich als Krisenmanager feiern, weil es ihm gelang, Australien als erstes G-20-Land aus der Weltfinanzkrise zu führen, ließ neue Straßen und Bahnlinien bauen – einen angemessenen Wohnungsbau vermochte Rudd hingegen nicht zu organisieren.