Widerwillig blickt Dikla Cohen von der staubigen Straße aus auf die planierte Geröllfläche. Hier soll bald ihr neues Haus entstehen. 500 Quadratmeter auf zwei Etagen. Am Osthang eines Hügels, von dem aus man auf das Westjordanland blicken kann. Inmitten der bislang relativ unbewohnten Lachisch-Region in Israel. "Eigentlich will ich gar nicht mit dem Bau beginnen", sagt Cohen missmutig. "Denn dann muss ich ein Kapitel schließen, mit dem ich noch gar nicht fertig bin."

Das Kapitel heißt Gush Katif. Vor genau fünf Jahren zwang die israelische Armee rund 8800 jüdische Siedler, die bis dahin in 21 Siedlungen im Gaza-Streifen gelebt hatten, ihre Häuser zu verlassen. Dikla Cohen war eine von ihnen. Nach langer politischer Diskussion, über der sogar die damalige Regierungspartei Likud zerbrach, hatte das israelische Kabinett den sogenannten "einseitigen Abzugsplan" des damaligen Ministerpräsidenten Ariel Sharon gebilligt. Der Plan sah vor, alle israelischen Siedlungen im Gaza-Streifen und vier israelische Siedlungen im Westjordanland zu räumen.

Einige Siedler gingen freiwillig. Dikla Cohen, ihr Ehemann und ihre neun Kinder weigerten sich. Soldaten mussten die Türe zu ihrem Haus eintreten und die Familie ins Freie tragen. "Ich wollte nicht, dass mir meine Kinder eines Tages Vorwürfe machen, dass ich sie aus Gush Katif weggebracht habe", erklärt Cohen. "Sie sollten mit eigenen Augen sehen, dass es israelische Soldaten waren, die uns vertrieben haben."

Seitdem ist Dikla Cohens Leben eine Baustelle. Ein Bus brachte die Familie gemeinsam mit anderen Siedlern aus dem Gaza-Streifen in ein Hotel in Jerusalem. Dort warteten sie acht Monate darauf zu erfahren, wo sie in Zukunft leben sollten. Was sie aus Gush Katif mitgenommen hatten, passte in zwei Koffer. "Es war schrecklich", erinnert sie sich. "Meine Tochter konnte nichts essen. Sie verlor sieben Kilo."

Schließlich zog die 11-köpfige Familie in einen etwa einhundert Quadratmeter großen Container, den die israelische Regierung in einem kleinen Dorf nahe ihrer zukünftigen Heimat bereitgestellt hatte. In ihrem provisorischen Wohnzimmer klopft Cohen mit dem Knöchel gegen die Wand. "Das ist alles Karton", sagt sie. "Caravilla" nennt man solche Fertighäuser in Israel. Die Teile werden in der Fabrik gefertigt, auf Lastwagen an den Bestimmungsort transportiert und dann in wenigen Schritten zusammengesetzt.

Zwei Wochen hat es seinerzeit gedauert, den Siedlungsblock im Gaza-Streifen, der einmal Dikla Cohens Heimat war, dem Erdboden gleich zu machen. Fünf Jahre später wohnt die Familie immer noch in einer Übergangslösung aus Pappe. Lediglich 165 der 1800 Familien aus Gush Katif, die in Ortschaften in ganz Israel untergekommen sind, leben bereits in einem neuen Haus. "Ab dem Zeitpunkt, als die Regierung unsere Koffer im Container abgestellt und die Tür hinter uns zugemacht hatte, hat sie uns vergessen", sagt Cohen resigniert.

Eine von der Regierung Netanyahu beauftragte Untersuchungskommission zur Lage der Siedler kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. "Der Staat Israel hat im Umgang mit denen, die aus Gush Katif weggebracht wurden, versagt", lautet das Fazit fast 500-Seiten umfassenden Berichts, den das Komitee im Juni vorlegte. Die meisten ehemaligen jüdischen Bewohner des Gaza-Streifens lebten dem Bericht zufolge nach wie vor in temporären Unterkünften, die zu beziehenden Häuser seien mehrheitlich noch nicht gebaut, Infrastruktur und öffentliche Einrichtungen befänden sich im Anfangsstadium des Baus und die Arbeitslosenquote unter den ehemaligen Siedlern sei doppelt so hoch, wie in der restlichen Bevölkerung Israels.