Ein Selbstmordanschlag hat die irakische Hauptstadt Bagdad erschüttert. Mindestens 56 Menschen seien durch die Attacke getötet, mehr als einhundert Menschen verletzt worden, berichteten arabische Fernsehsender. Ein Vertreter der städtischen Leichenhalle sprach sogar von 59 Toten. Der Attentäter zündete Regierungsangaben zufolge gegen 7.30 Uhr Ortszeit eine Sprengstoffweste, nachdem er sich in die Schlange vor dem Rekrutierungsbüro im Viertel Baab el Muatham im Stadtzentrum gestellt hatte. Die Mehrzahl der Opfer waren junge Männer, die sich für den Militärdienst bewerben wollten. Unter den Toten befänden sich aber auch Soldaten.

Unter den Wartenden brach Panik aus, Wachsoldaten feuerten Schüsse in die Luft. Überlebende Rekruten fragten, wie es dem Attentäter gelingen konnte, auf das Gelände zu kommen und mit der Sprengladung die beiden Eingangskontrollen zu überwinden.

Solche katastrophalen Sicherheitspannen nähren zwei Wochen vor dem endgültigen Abzug der US-Kampftruppen im irakischen Volk die Zweifel, ob ihre Sicherheitskräfte der Gewalt von Al Qaida und ihrer Verbündeten überhaupt gewachsen sind. Auch Bagdads Oberbefehlshaber, General Babaker Zebari, hatte den Abzug der Amerikaner in den letzten Monaten immer wieder als "voreilig" bezeichnet. Die irakische Armee könne erst ab 2020 eigenständig für Sicherheit im Lande sorgen, erklärte er.

Bis Ende August wollen die USA ihre Kampftruppen aus dem Irak vollständig abziehen. Nur 50.000 US-Soldaten sollen danach im Land bleiben, um sich an der Ausbildung der irakischen Armee zu beteiligen. Irakische und US-Vertreter warnen davor, dass Aufständische ein Machtvakuum für vermehrte Anschläge nutzen könnten.

Allein in der letzten Woche wurden elf Verkehrspolizisten ermordet und 24 verletzt. Einige wurden aus fahrenden Autos heraus erschossen, andere starben durch Bomben, die an ihren Wachhäuschen oder unter ihren Autos befestigt worden waren. Am Wochenende wurden zwei Beamte in ihrem Dienstwagen hingerichtet, mit Benzin übergossen und anschließend auf offener Straße verbrannt. Die Sicherheitsbehörden haben inzwischen begonnen, alle Verkehrspolizisten mit schusssicheren Westen und AK-47-Schnellfeuergewehren auszurüsten.

Ein Sprecher der Streitkräfte machte Al Qaida für das jüngste Attentat verantwortlich. Nach Angaben von Augenzeugen hatten sich die rund 1000 Bewerber gerade in Gruppen aufgestellt, sortiert nach dem Niveau ihrer Schulbildung, als sich der Terrorist im Pulk der Oberschüler in die Luft sprengte.

Mitursache für die wachsende Verunsicherung im Land ist aber auch die anhaltende politische Lähmung in Bagdad. Fünf Monate nach den irakischen Parlamentswahlen Ende März zieht sich die Bildung einer neuen Regierung hin. Erst am Montag waren die Koalitionsgespräche wegen eines Streits um die religiöse Ausrichtung des Bündnisses abgebrochen worden. Eine Sprecherin der Irakija-Allianz von Ex-Ministerpräsident Ijad Allawi gab das Ende der Verhandlungen mit dem Rechtsstaaten-Bündnis von Amtsinhaber Nur al-Maliki bekannt. Dieser habe die Allianz als sunnitisch bezeichnet statt als gemischt-konfessionell. "Wir verlangen eine Entschuldigung", sagte sie. Von den 91 Irakija-Abgeordneten seien mehr als 26 Schiiten wie Maliki selbst. "Warum nennt er uns dann einen sunnitischen Block? Das ist eine Beleidigung."

Allgemein galten die Gespräche zwischen Malikis schiitischem Bündnis und Allawis von den Sunniten unterstützten Allianz als schwierig. Welche Auswirkung der Abbruch der Verhandlungen haben würde, war zunächst nicht abzusehen.