Einst bot der Monat August meist harmlosen, eher vergnüglichen Lesestoff, etwa die neueste Sichtung von Nessie, dem Ungeheuer von Loch Ness. Aber die Zeiten sind rauer geworden. Die Presse verlangt nach Lesestoff, mit dem der Konkurrenz des Internets Paroli geboten werden kann.

Wahrscheinlich ist das ein Hauptgrund dafür, dass diesen Sommer Verschwörungstheorien in der britischen Presse Hochkonjunktur haben. Und das nicht etwa nur in den tabloids , den britischen Boulevardzeitungen. Nein, es sind häufig gerade die quality papers , die Zeitungen für gehobene Ansprüche, wie etwa der Independent , der Guardian oder die Mail , die sich auf mehr oder minder behutsame Art den absurdesten Verschwörungstheorien zuwenden und ihnen zumindest eine gewisse Respektabilität verleihen.

Besonders häufig sind es derzeit Artikel zum Tod von David Kelly, dem britischen Waffeninspektor und Experten für Saddam Husseins Arsenal von Massenvernichtungswaffen. Seit seinem Tod ist Kelly fast so etwas wie eine Ikone der Anti-Irakkriegsbewegung geworden. Er starb im Sommer des Jahres 2003, nachdem er sich die Pulsadern aufgeschnitten und 29 schmerzstillende Tabletten geschluckt hatte. Eine Untersuchung unter Lord Hutton zu den Umständen des Todes war ohne wenn und aber zu dem Schluss gekommen, Kelly habe sich selbst getötet; auch Freunde und Familie sind überzeugt, dass er sich das Leben nahm.

Doch Anhänger von Verschwörungstheorien lassen sich bekanntlich durch Fakten nur selten von ihrem Glauben abbringen. Der besondere Reiz der Geschichte von David Kelly liegt darin, dass sie auch den früheren Regierungschef Tony Blair betrifft. Und wenn sich dem Teil der Medien, die gegen den Irakkrieg Sturm liefen, die Chance bietet, den früheren britischen Premier ins Zwielicht zu rücken, wird zugegriffen. Ohne Rücksicht auf die Pflicht zu journalistischer Fairness oder auch nur Sorgfalt.

" Who killed David Kelly ?" tönt es von links wie rechts, nachdem kürzlich wieder einmal eine Gruppe medizinischer Experten in einem Brief an eine Zeitung Zweifel am offiziellen Verdikt der Hutton-Untersuchung geäußert hatte. Die Forderung, den Fall aufzurollen, wird dabei mit schöner Regelmäßigkeit erhoben, ohne dass es dazu neuer Fakten bedürfte.

Dem Publikum, meist nur vage mit den komplexen Details der Geschichte vertraut, wird so suggeriert, Kellys Tod sei von der damaligen Regierung Blair zumindest indirekt verschuldet worden. "Haben sie Blut an ihren Händen?" hatte ein Journalist der Mail Tony Blair auf einer Pressekonferenz im Ausland zugerufen, kaum war die Nachricht vom Tod Kellys von den Agenturen gemeldet worden. Das war damals im Jahr 2003 der Stil, in dem die Auseinandersetzung über den Irakkrieg von einem Teil der Medien geführt wurde. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Selbst Politiker beteiligten sich an dem makabren Spiel: Norman Baker, Abgeordneter der Liberaldemokraten, jetzt Juniorminister in der Regierung Cameron, brachte 2007 ein Buch heraus, indem er die These vertritt, Kelly sei von mysteriösen irakischen Gegnern Saddam Husseins ermordet worden.