Viele Kenianer denken noch mit Schrecken an die zwei Monate nach der Präsidentenwahl im Dezember 2007. Damals wurde das Land von schweren Unruhen erschüttert. Mindestens 1300 Menschen kamen ums Leben, Hunderttausende flohen vor der brutalen Gewalt zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen. Nun soll eine neue Verfassung dabei helfen, das tief gespaltene Land zu versöhnen. Mehr als zwölf Millionen Kenianer sind aufgerufen, die politische Zukunft ihres Landes zu bestimmen.

Momentan steht der kenianische Staat auf einem wackeligen Konstrukt: Die Krise nach den Präsidentschaftswahlen hatte als Kompromiss eine Machtteilung hervorgebracht. Hierfür wurde der Posten eines Ministerpräsidenten geschaffen, um den bei der Wahl unterlegenen Raila Odinga zu bedienen. Dessen Konkurrent, der Amtsinhaber Mwai Kibaki, wurde 2007 zum Sieger erklärt, was zu Protesten von Odinga-Anhängern führte, die alsbald zu blutigen Unruhen anschwollen. Der als Vermittler eingesetzte ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan berichtete von "systematischen und schweren Verletzungen der Menschenrechte". Später stellte ein UN-Untersuchungsbericht fest, die Polizei habe "systematisch" gemordet.

Das Zweckbündnis der erbitterten Rivalen Odinga und Kibaki hält indes bis heute, wenn auch die Spannungen immer wieder aufflackern . Um die politischen Verhältnisse jedoch nachhaltig zu stabilisieren, scheint jedoch eine neue Verfassung nötig. In seltener Einmütigkeit warben auch Odinga und Kibaki für den Entwurf. Er sieht eine Rückkehr zum reinen Präsidialsystem vor, wenn auch in abgeschwächter Form. Demnach wird der Präsident künftig wieder zugleich Staats- und Regierungschef sein. Allerdings werden seine Befugnisse eingeschränkt und seine Macht beschnitten. Er darf maximal zwei fünfjährige Amtszeiten lang regieren und muss sich seine Personalentscheidungen vom Parlament bewilligen lassen. Zudem sollen die Abgeordneten das Recht haben, den Präsidenten abzuberufen.

Die Zusammensetzung des Parlaments soll ebenfalls reformiert werden. Laut der neuen Verfassung soll eine Art föderales System eingerichtet werden, wodurch das Land in 47 Verwaltungsgebiete, den sogenannten Grafschaften zergliedert wird. Diese entsenden jeweils einen Vertreter in das neu zu schaffende Oberhaus. 16 weitere Senatoren werden von den politischen Parteien bestellt sowie je zwei von Jugendvertretern und Menschen mit Behinderung. Zusammen mit dem Abgeordnetenhaus bildet der Senat dann das Parlament.

Außerdem sieht die neue Verfassung eine Bodenreform vor, bei der es im Kern um die Modalitäten des Grunderwerbs und die Begrenzung der Größe privaten Grundbesitzes geht. Zudem sollen Frauen gleichberechtigt sein, wenn es um Landbesitz geht. Für juristische Streitsachen aller Art wird als oberste Instanz ein oberster Gerichtshof geschaffen.

Streit gibt es zwischen Befürwortern ("Grüne") und Gegnern ("Rote") der Verfassungsreform vor allem in zwei Punkten: Konservative Gläubige und Evangelikale lehnen eine liberalisierte Abtreibungsregelung ab, die Schwangerschaftsabbrüche bei Lebensgefahr für die Mutter zulassen will. Außerdem ist umstritten, dass es keine islamische Gerichtsbarkeit mehr geben soll.

Die Kenianer scheinen sich der Bedeutung der Wahl bewusst zu sein: Vor den Wahllokale warteten Hunderte Menschen teilweise mehrere Stunden auf den Beginn der Abstimmung. Im westkenianischen Kisumu wurden Vuvuzelas geblasen, um Wähler zu früher Stunde zu mobilisieren, berichtete ein örtlicher Rundfunksender. Meinungsforscher glauben bereits zu wissen, wie sich Kenias Bürger letztlich entscheiden: für die neue Verfassung.