Wenn Shefajet Berisha auf die Kosovo Force (KFor) der Nato angesprochen wird, zeigt er stolz einen Artikel über sich in einem Bundeswehrheft über den Einsatz im Kosovo. Darin wird die "hervorragende Zusammenarbeit" zwischen dem deutschen Feldlager und Berishas Lokalsender Radio Prizren beschrieben. "KFor ist weiterhin eine der vertrauenswürdigsten Institutionen im Kosovo", sagt Berisha, der Chefredakteur. Beim Militär absolvierte er sein erstes Schreibtraining nach dem Krieg. KFor ist sein wichtigster Spender und Werbekunde: Radio Prizren muss monatlich einige Pressemeldungen der Deutschen senden, im Gegenzug stellt der Militärsender K4 ein wöchentliches Programm bereit.

Ohne KFor wäre Radio Prizren, das einst neun ausländische Großspender unterstützten, längst verstummt. Der Sender kann kaum die Miete zahlen. Berisha musste die Löhne seiner Mitarbeiter auf 100 Euro herabsetzen. In diesem Monat hat ihm ein Auftrag der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) die Stromrechnung gerettet.

In einem der ärmsten Länder Europas ist ein florierender Werbemarkt so fern wie eine stabile Wirtschaft. Zwei Drittel der Jugendlichen sind arbeitslos, 17 Prozent der Bevölkerung lebt von weniger als einem Euro am Tag. Im Rahmen seiner Balkanreise besucht Bundesaußenminister Guido Westerwelle am Freitag das Kosovo. Viel Positives wird er hinterher nicht zu berichten haben.

"Die einzige Wirtschaft, die hier zu existieren scheint, basiert auf Dienstleistungen für die internationale Gemeinschaft", sagt Kelmend Hapçiu, Gründer der Nachrichtenagentur Kosovalive. "Es gibt Hunderte Restaurants und Cafés für sie. Hunderte Ausländer mieten Apartments und Häuser."

Auf den Restaurantparkplätzen in Čaglavica, einem serbischen Vorort von Pristina, stehen fast ausschließlich Jeeps der großen Missionen: Kfor, UN und von der europäischen Rechtsstaatlichkeitsmission Eulex. Die Internationalen konsumieren, sie genießen das günstige Leben. Der Immobilienmarkt ist überhitzt, wenige Einheimische können sich eine eigene Wohnung in Pristina leisten.

Internationale Missionen sind attraktive Arbeitgeber – und ziehen Fachleute aus den kosovarischen Behörden ab. Naile Selimaj, Direktorin der staatlichen Medienaufsicht, hat viele ihrer früheren Mitarbeiter verloren: Bis zur Unabhängigkeit war ihre Behörde der OSZE unterstellt. Als die Regierung 2008 die Medienaufsicht übernahm, kürzte sie die Gehälter drastisch. "Wir haben ein riesiges Problem, gute Leute zu bekommen. Die Beamten im Kosovo muss man wirklich bemitleiden."

Während das monatliche Durchschnittsgehalt eines Beamten bei 250 Euro liegt, verdient ein Sicherheitsangestellter einer internationalen Mission das Drei- bis Vierfache. Innenminister Bajram Rexhepi sagt mit Blick auf Büros der Vereinten Nationen, dass die meisten dieser Organisationen "mehr wie Parasiten im Kosovo leben". Sie würden irgendwelche Projekte beginnen und das Geld dann für ihre Angestellten verbrauchen. "Diese Art von Hilfe brauchen wir hier nicht."

Auch Xhelal Sveçla, einer der Gründer der radikalen Bewegung Vetëvendosje (Selbstbestimmung), kritisiert die internationalen Organisationen: "Eulex schadet dem Land, hat zu viel Macht und steht über dem Gesetz." Der ehemalige UÇK-Kämpfer lehnt die Präsenz der Mission ab, weil fünf EU-Staaten Kosovo nicht anerkannt haben. Im ganzen Land hat seine Vetëvendosje-Bewegung Spuren des Protests hinterlassen: An Hauswänden, auf Plakaten und sogar auf öffentlichen Blumentöpfen sind Unmik- und Eulex-feindliche Sprüche zu lesen, stehen Slogans wie "Keine Verhandlung" und "Kauft Albanisch".

Albanisch kaufen – das ist jedoch in vielen Bereichen gar nicht möglich: Die meisten Produkte in den Läden stammen aus den nördlichen Balkanländern oder Westeuropa. "Wir können Wasserflaschen abfüllen", sagt Kosovalive-Chef Hapçiu. "Und das nennen wir dann eine Wirtschaft. Ich sehe aber sonst nicht viel, was produziert wird."

Ohne die internationalen Organisationen wäre die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit noch viel höher. Wie es ist, sich ohne festen und bezahlten Job durch zu schlagen, davon kann Bekim Turjaka berichten: Er war Übersetzer für die KFor, bis die Soldatenzahl im Kosovo reduziert wurde. Seitdem ist der diplomierte Jurist arbeitslos. In seiner Gemeinde in Obiliq berät er jetzt die Ärmsten – Mitglieder der Roma-Gemeinde. Ehrenamtlich, natürlich. Weil seine Familie im Krieg ihr Haus verloren hat, zahlt die Gemeinde ihm eine enge Zweiraumwohnung. Im August musste er eine Woche lang ohne Strom und Wasser überbrücken. Derartige Ausfälle sind auf dem Land keine Seltenheit. Turjaka hilft sich, indem er Albanisch kauft: echtes Flaschenwasser, hergestellt im Kosovo.