Es ist die neueste Wendung in einem Gewirr von Spekulationen und Gerüchten: Der 22-jährige US-Soldat Bradley Manning, der verdächtigt wird, Wikileaks mit geheimen Dokumenten beliefert zu haben, soll von einer Firma enttarnt worden sein, die im Regierungsauftrag das Internet überwacht und verdächtige Personen ausspäht. So berichtete es am Mittwoch die FAZ, die sich dabei auf einen Artikel im Wirtschaftsmagazin Forbes berief.

Wurde Manning also Opfer einer gezielten Jagd der US-Regierung auf Informanten, die geheime Unterlagen an Medien weitergeben?

Manning, der für die Analyseabteilung der US-Truppen im Irak arbeitete, steht im Verdacht, die 92.000 Afghanistan-Dokumente an Wikileaks weitergegeben zu haben. Außerdem soll er im April Wikileaks ein Militärvideo zugespielt haben, auf dem die Erschießung von Zivilisten bei einem Luftangriff in Bagdad zu sehen ist. Er vertraute sich damals einem Chat-Partner namens Adrian Lamo an. Der hatte sich Manning als Hacker, als Journalist und mindestens einmal auch als Seelsorger vorgestellt.

Der Soldat musste den Eindruck gewinnen, dass seine Kommunikation mit Lamo privat bleibe und dass er auf Informantenschutz oder das Beichtgeheimnis vertrauen dürfe. Soweit der Austausch zwischen ihnen öffentlich bekannt ist, klingt es nach einem Dialog unter Gleichgesinnten, die sich erzählen, welche Entdeckungen sie im Internet gemacht haben und diskutieren, welche brisanten Informationen in die Öffentlichkeit gehören. Lamo aber informierte die US-Behörden. 

Manning schrieb Lamo damals, er habe noch viele weitere geheime Dokumente zu den Aktionen von US-Militärs und Diplomaten, die hoch brisante Informationen enthalten. Deshalb untersuchten die Ermittler nach der Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente erneut die Computer, die Manning im Dienst im Irak benutzt hatte. Nach Angaben mehrerer US-Medien fanden sie Nachweise, dass der Soldat auch Dokumente zu Afghanistan kopiert und privat gespeichert habe.

Wer aber ist dieser Adrian Lamo? Auf wessen Rechnung handelte er? Verriet er Manning im Rahmen seiner Tätigkeit für die Internet-Überwachungsfirma Project Vigilant, wie die FAZ nun behauptet?

Fest steht, dass Lamo gelegentlich Rechercheaufträge für das Project Vigilant durchführte. Das Unternehmen überwacht nach Angaben seines Chefs Chet Uber regelmäßig den Internetverkehr von zwölf regionalen Internet-Providern in den USA und gibt verdächtige Informationen an die Behörden weiter. Die Firma sammelte beispielsweise auch für die Regierung Hinweise im Internet, die gezielten Wahlbetrug in Iran belegen sollten.

Laut Forbes behauptet Uber, er habe Lamo dazu gebracht, sein Wissen über Manning den Behörden zu offenbaren. Uber behauptet jedoch keineswegs, dass Manning im Rahmen der Überwachungstätigkeit des Project Vigilant entdeckt worden sei. Ebenso wenig behauptet er, dass Lamo in seinem Auftrag oder im Auftrag der Regierung Menschen ausgespäht habe, die geheime Regierungsdokumente an die Medien geben.

Vielmehr sei Lamo ein Ex-Hacker, der im Internet auf alle möglichen Informationen stoße. Eines Tages habe er erzählt, er wisse, wer das Video vom Luftangriff im Irak weitergegeben habe. Uber habe ihm gesagt, er müsse das den Behörden erzählen. Lamo habe das nicht gewollt. Er habe beträchtlichen Druck auf ihn ausüben müssen, ehe er mit den Ermittlern sprach. Beim ersten Treffen habe Lamo einen Rückzieher gemacht.

Auch die Ermittler konnten leicht Druck auf Lamo ausüben. Der 29-Jährige war in seiner Jugend mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten, vor allem als Hacker. Er hatte Drogenprobleme und soll seine Freundin mit einer Waffe bedroht haben. Die Strafverfahren sind noch nicht alle abgeschlossen. Im Mai wurde bei ihm das Asperger Syndrom diagnostiziert. Insgesamt ergibt sich das Bild einer labilen Persönlichkeit.

Lamo verriet Manning möglicherweise also, weil er dazu überredet wurde – und nicht, weil er via Project Vigilant im Regierungsauftrag handelte. Persönlich jedenfalls hat er nichts gegen Wikileaks. Er spendete Geld für das Portal.