Die blutige Erstürmung einer internationalen Gaza-Hilfsflotte Ende Mai ist nach Ansicht von Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu rechtmäßig. Die Aktion sei mit internationalem Recht vereinbar gewesen, sagte Netanjahu vor einem Untersuchungsausschuss in Jerusalem zu dem Angriff auf die Flottille. Kritik äußerte Netanjahu an der Türkei, die den Angriff mit neun getöteten Türken scharf verurteilt hatte.

Die Türkei hat nach den Worten Netanjahus Warnungen an die Hilfsflotte ignoriert. Bereits Mitte Mai habe sein Büro Kontakt zu höchsten türkischen Regierungsstellen aufgenommen, sagte Netanjahu vor der Kommission. Elitesoldaten hatten bei der Aktion am 31. Mai neun Türken erschossen.

"Diese Kontakte (zur Türkei) sollten eine Konfrontation mit der Marmara-Flotte verhindern, und bestanden bis zur Ankunft der Flotille vor der Küste des Gaza-Streifens", sagte Netanjahu. Trotz diplomatischer Bemühungen seiner Regierung habe die Türkei die Aktivisten nicht an dem Versuch gehindert, die israelische Seeblockade des Gaza-Streifens zu durchbrechen. Die Türkei scheine die Gefahr einer Konfrontation mit den israelischen Streitkräften nicht erkannt zu haben.

Er habe angeordnet, bei dem Einsatz Opfer zu vermeiden, sagte Netanjahu bei der ersten Anhörung. Die israelischen Soldaten hätten jedoch das Feuer zur Selbstverteidigung eröffnet, da "ihr Leben wirklich in Gefahr" gewesen sei. Israels Regierungschef beteuerte in der teils öffentlichen Befragung, er habe "Vertrauen in die Soldaten der israelischen Armee". Netanjahu zeigte sich überzeugt, dass die Kommission zu dem Schluss kommen werde, dass Regierung und Armee "in Übereinstimmung mit internationalem Recht" handelten.

Der Angriff der israelischen Marine auf die Flotte mit Hilfsgütern für die Palästinenser im streng von Israel abgeriegelten Gaza-Streifen Ende Mai hatte international Empörung ausgelöst . Besonders die türkische Regierung kritisierte den Tod der neun türkischen Aktivisten scharf. Die Türkei gilt zwar traditionell als Verbündeter Israels in der muslimischen Welt, die Beziehungen zwischen Ankara und Jerusalem sind seitdem jedoch äußerst gespannt.

Als Reaktion auf den internationalen Aufschrei nach dem Angriff lockerte Israel die Blockade des Gaza-Streifens und stimmte mehreren Untersuchungen zu dem Vorfall zu. Eine Untersuchungskommission der UN nimmt ihre Arbeit am Dienstag auf. Weitere Untersuchungen unternehmen die türkische Regierung, der UN-Menschenrechtsrat in Genf sowie der israelische Staatskontrolleur Micha Lindenstrauss. Eine Kommission der Armee rechtfertigte den Einsatz von Gewalt, räumte jedoch "Fehler" bei Planung und Durchführung der Aktion ein.

Der israelische Untersuchungsausschuss unter dem Vorsitz eines früheren Richters am Obersten Gerichtshof, Jaakov Tirkel, soll sich mit der Rechtmäßigkeit des Angriffs sowie der Seeblockade des Gaza-Streifens beschäftigen. Das Gremium darf dabei allerdings nur Fragen klären, die internationales Recht betreffen. Am Dienstag soll Verteidigungsminister Ehud Barak vor dem Ausschuss aussagen, am Mittwoch Generalstabschef Gabi Aschkenasi. An dem Einsatz beteiligte Soldaten darf die Kommission nicht befragen.

Netanjahu rechtfertigte die Blockade des Gaza-Streifens, der seit 2007 von der radikalislamischen Hamas beherrscht wird: Die Palästinenserorganisation habe das Gebiet mit "politischer, militärischer und finanzieller" Hilfe des Iran zu einer "terroristischen Enklave" gemacht. Zudem gebe es keine Lebensmittelknappheit im Gaza-Streifen, sagte Netanjahu. Hilfsgruppen versuchten aufgrund dieser Behauptung, die Blockade des Gebiets zu durchbrechen. Israel befürchtet, dass Waffen als Hilfen getarnt in das Gebiet geschmuggelt werden.