Guido Westerwelle wird in diesen letzten Wochen des Sommerlochs der Zukunft seiner Koalition mit Sorgen entgegensehen. Wie kommen er selbst, wie seine Partei und seine Koalition aus dem selbstverschuldeten Autoritätsverlust heraus? Ob man die Schwarz-Gelben mag oder nicht: Wahlen sind erst in drei Jahren, und solange kann sich das Land die Durchhängerei nicht leisten.

Deshalb also ein wohlgemeinter Guide for Guido. Der Mann ist ja nicht dumm, auch wenn er zurzeit in wichtigtuender Emsigkeit eher wie ein Polit-Pinocchio wirkt. Westerwelle hat vor seiner Regierungszeit Urteilsfähigkeit, Durchsetzungskraft und sogar Humor bewiesen. Das kann nicht mit dem Amtseid vom vergangenen Oktober einfach in der 
Spree verschwunden sein!

Wenn ihm diese Talente heute abgehen, ist der naheliegendste Grund: Westerwelle hat zu vieles auf einmal gewollt. So konnte er in keiner seiner vielen Rollen überzeugen, jede schien einstudiert, von Souveränität keine Spur. Gelassenheit, Selbstironie, Humor blieben auf der Strecke.

So auch in seiner Rolle als Außenminister. Westerwelle wollte partout das Amt, nicht nur wegen des damit immer noch verbundenen Flairs, sondern weil es häufig seinen Inhabern zu hoher Popularität verhilft. Aber die Popularitätsdefizite, die Westerwelle in wenigen Monaten für sich und seine Partei einheimste, konnten auch durch die Aura des Außenministers nicht aufgewogen werden.

Heute jedoch liegt die beste Hoffnung für Westerwelle darin, als Außenminister zu überzeugen, um damit auch in der deutschen Politik wieder Zustimmung und Ansehen zu gewinnen. Bisher hat er den Außenminister mit links gemacht. Jetzt muss er das Amt ernst nehmen, um selbst wieder ernst genommen zu werden.

Dazu wären drei einfache Schritte nötig. Erstens: Westerwelle muss seine außenpolitische Erkennungsmelodie deutlich machen. Er unterstreicht zwar gern seine protokollarische Wichtigkeit und pocht mit schnarrender Stimme allenthalben auf "deutsche Interessen". Aber was diese sind und wie sie umzusetzen sind, bleibt unklar. Auch in seinen Auslandsreisen, gehetzte Pflichtveranstaltungen zumeist, sucht man vergebens nach einem gemeinsamen Faden.

Was wäre die richtige Erkennungsmelodie? Westerwelle müsste sich zum verlässlichen Fürsprecher nicht nur deutscher, sondern europäischer Anliegen machen. Damit würde er nicht nur deutschen Interessen am wirksamsten dienen, sondern auch draußen und drinnen Statur gewinnen. Wie sein Vorbild Hans-Dietrich Genscher, der in den End-Jahren des Kalten 
Krieges unermüdlich ein Netz von Konsens über Europa wob.

Zweitens: Westerwelle muss seine Schularbeiten machen. Der Mann, heißt es aus dem Außenamt, lese allzu oft seine Akten nicht. Seine Kollegen auf EU-Treffen nehmen ihn vornehmlich als flüchtigen Besucher wahr, der gern zu spät eintrifft und zu früh geht. Seine einzige inhaltliche Initiative, die Forderung nach der Abschaffung der wenigen noch in Europa verbliebenen US-Atomwaffen, wurde mangels solider Vorarbeit zur Eintagsfliege.

Nun braucht der Außenminister kein Fachmann für Außenpolitik  zu sein. Dafür stellt ihm sein Amt viele gute Berater zur Verfügung. Er muss sie nur hören und einsetzen.

Drittens: Außenpolitik wirkt nicht durch verkrampfte Statusverteidigung, nur durch gelassene Überzeugungsarbeit. Dass der Minister, wie übrigens alle seine Kabinettskollegen, während der Dauer seines Amtes "für Deutschland" spricht, ist so selbstverständlich, dass Westerwelles ständige Betonung dieser Selbstverständlichkeit nur peinlich wirkt. Ein deutscher Außenminister hat Grund genug, das Gewicht, das seine Partner unserem Land ohnehin zubilligen, mit ruhigem Selbstvertrauen einzubringen.

Das also wäre, wenn er es denn will, der Guide for Guido: Europa zu seiner außenpolitischen Erkennungsmelodie machen, seine amtlichen Pflichten mehr und sich selbst weniger ernst nehmen. Wenn er danach handelt, würden die Deutschen, die an sich bereit sind, ihre Außenminister zu schätzen, es auch ihm nicht versagen. Zum Nutzen seiner Partei, seiner Regierung und sogar seines Landes.