Die gegenwärtige Situation der Welt ist eher ernüchternd: Mehr als 900 Millionen Hungernde gibt es noch immer, ein Viertel der Weltbevölkerung lebt in extremer Armut von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag. Bis 2030 werden zudem fast 50 Prozent der Weltbevölkerung unter extremem Wassermangel leiden, während der weltweite Nahrungsmittelbedarf um weitere 50 Prozent zunimmt. Dies alles vor dem Hintergrund weiterhin steigender Intensität von Naturkatastrophen infolge des Klimawandels – Pakistan ist nur das jüngste Beispiel – und steigender Bevölkerungszahlen auf acht Milliarden in den nächsten 15 Jahren.

Wenn also die über 140 Staats- und Regierungschefs auf dem Millenniumsgipfel in New York zur Bekämpfung von Armut, Hunger und Krankheit zusammenkommen, müssen sie ein klares Zeichen setzen. Denn die für einzelne Länder überwältigenden Herausforderungen können nur gemeinsam gemeistert werden: als globale Solidargemeinschaft.

Trotz positiver Entwicklungen in vielen Staaten Asiens, Lateinamerikas und auch Afrikas sind die Zeichen deutlich: für eine wachsende Zahl von Menschen in Entwicklungsländern wird die Lage in den nächsten 20 Jahren eher kritisch, bevor es besser werden kann. Dies bedeutet zum einen, dass Entwicklungs-, Finanz- und Wirtschaftshilfe, einschließlich des so wichtigen Transfers von Know-how und Technologie, nicht nur weitergeführt, sondern beschleunigt werden müssen. Zum anderen bedeutet es, dass die weltweit bereitgestellten Finanzmittel für Entwicklung und humanitäre Hilfe weiter erhöht werden müssen.

In einer Zeit, in der globale Herausforderungen wie Klimawandel, Finanzkrise, Bevölkerungswachstum, Wasser- und Energieverknappung, Urbanisierung, Migration, Hunger und endemische Armut nicht nur häufiger, sondern auch kumulativ auftreten, kann solche Hilfe nicht länger nur Ausdruck von Wohltätigkeit sein. In einer ständig enger zusammenrückenden Welt, in der 24-Stunden-Sender Nachrichten von Katastrophen – und die damit verbundenen Erwartungen an Hilfsmaßnahmen – in Sekundenschnelle in die Wohnzimmer bringen, bedarf es eines engeren Zusammenwirkens multilateraler, bilateraler, regionaler und nationaler Einrichtungen, um Reaktionsfähigkeit, Analyse und politisches Gespür zu verbessern: ein globales antizipatorisches Netzwerk humanitärer Hilfe. Humanitäre Hilfe ist heute Investition in ein zunehmend verknüpfteres System globaler Stabilität und Gerechtigkeit. Wenn die Grundlagen der Entwicklung durch Kriege oder Naturkatastrophen zerstört werden, kann adäquate humanitäre Hilfe den Grundstein für raschen Wiederaufbau leisten und dazu beitragen, die Ausnutzung einer Krise zu politischen Zwecken zu minimieren.

Allein im letzten Jahrzehnt hat die UN im Schnitt über 390 Naturkatastrophen pro Jahr registriert – also mehr als eine pro Tag. Der angerichtete strukturelle Schaden hat in vielen dieser Länder die (manchmal zarten) sozio-ökonomischen Errungenschaften vieler Jahre zurückgeworfen oder gar ausradiert. In Haiti wird der wirtschaftliche Schaden gar auf 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes geschätzt. Ähnlich sieht es in anderen Ländern aus, gerade dort, wo schwache Regierungsstrukturen mit den kumulativen Effekten globaler Herausforderungen zusammentreffen oder ein Land ohnehin schon ein Krisengebiet ist. Die Auswirkungen von Naturkatastrophen sind in diesen Ländern noch in Jahren zu spüren – vor allem unter den zahlreichen Frauen und Kindern, für die schon vor der Katastrophe jeder Tag ein Kampf ums Überleben war.

Humanitäre Hilfe ist komplex, sie muss verlässlich, nachhaltig und über das schnell schwindende Medieninteresse hinaus geleistet werden. Es ist eine der großen Herausforderungen unserer wachsenden globalen Solidargemeinschaft, angemessene Hilfe gerade auch dort zu leisten, wo keine Kameras stehen und das tägliche Leiden eher im Stillen verläuft. Jeden Tag sterben auf der Welt zwischen 25.000 und 30.000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung – ein Skandal und moralische Bankrotterklärung werden viele sagen.

Und zu Recht. Dort wo, wie in Niger, Dürre oder Auswirkungen des Klimawandels zusammentreffen mit hohem Bevölkerungswachstum, Nahrungsmittel-, Wasser-, und Rohstoffknappheit. Oder wie in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, wo Trinkwasserbrunnen bis in 1000 Meter Tiefe gebohrt werden müssen, da in Folge des städtischen Bevölkerungswachstums Sanaa bald die erste Stadt der Welt sein wird, die buchstäblich austrocknet.