Bis zuletzt hatten sich die Diplomaten, vor allem aus den USA, bemüht, die israelische Regierung davon zu überzeugen, den Baustopp für jüdische Siedlungen im Westjordanland zu verlängern. Vergebens: Um Mitternacht endete das Moratorium, bejubelt von tausenden Siedlern, von denen einige bereits vor Ende der Frist mit Bulldozern ihre Gebietsansprüche geltend machten.

Damit stehen die direkten Friedensgespräche zwischen Israelis und Palästinensern , die erst Anfang September durch eine Initiative der USA wieder aufgenommen worden waren, schon wieder vor dem Aus. Die Palästinenser hatten stets damit gedroht, in diesem Fall aus den Friedensverhandlungen auszusteigen.

Allerdings scheint Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nicht sofort entscheiden zu wollen: Er hatte angekündigt , dass auf seine Bitte hin die Arabische Liga am 4. Oktober in Kairo über das Thema berate. Dennoch verlangte er von Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu einen sofortigen neuen Baustopp. Dies sei die einzige Möglichkeit, Frieden zu schaffen. "Wenn Israel den Stopp des Siedlungsbaus nicht verlängert, dann ist der Friedensprozess eine Zeitverschwendung", sagte Abbas bei einem Besuch in Paris. "Netanjahu muss die Entscheidung treffen, die Siedlungen einzufrieren, um eine angemessene Atmosphäre zur Fortsetzung der Friedensgespräche zu schaffen."

Netanjahu wiederum rief Abbas dazu auf, "die guten und ehrlichen Gespräche, die wir begonnen haben, fortzusetzen, um ein historisches Friedensabkommen zwischen unseren beiden Völkern zu erreichen." Seine Absichten, ein Friedensabkommen zu erhalten, seien "ernsthaft und ehrlich".

Hass und Häuserbau: Bilder der Konfrontation im Westjordanland © Nir Elias/Reuters

Israelischen Medienberichten zufolge bemühten sich die USA, Israel und die Palästinensische Autonomiebehörde in nächtlichen Gesprächen, einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden. Demnach hätten beide Konfliktparteien vereinbart, eine Woche nach einem Kompromiss zu suchen. So soll ein Zusammenbruch der Verhandlungen abgewendet werden. In dieser Zeit werde Abbas nicht ankündigen, dass er die Gespräche verlasse. Wegen diverser Feiertage in Israel sei in dieser Woche auch keine größere Bautätigkeit zu erwarten. 

Vor allem die USA wollen Israel auch weiterhin zu einer Verlängerung des Baustopps drängen. Diese Forderung wiederholte Außenamtssprecher Philip Crowley nach Ablauf des Moratoriums: "Unsere Position zum Siedlungsbau hat sich nicht geändert." Crowley äußerte die Hoffnung, dass die Friedensgespräche weitergehen. Ziel sei es weiterhin, die Verhandlungen in Richtung eines Friedensvertrages voranzutreiben. "Wir bleiben in engem Kontakt mit beiden Seiten und werden uns mit ihnen in den kommenden Tagen erneut treffen."

Die Bauaktivitäten sind der größte Streitpunkt bei der Suche nach einer Lösung für den Konflikt in Nahost. Den befristeten Baustopp hatte Israel im November 2009 angeordnet. Mit Ablauf des Moratoriums können die Siedler im Westjordanland nun ohne weitere Genehmigungen mehr als 2000 weitere Wohnungen und Häuser bauen – was diese in der Nacht feierten. In Rewawa im Norden des Westjordanlandes versammelten sich etwa 2000 Siedler und zählten lautstark die Sekunden bis zum Ende des Baustopps herunter. In der nahegelegenen Siedlung Kirjat Netafim legten Siedler demonstrativ den Grundstein für eine Kinderkrippe.

Trotz der Mahnungen von Netanjahu an seine Landsleute, die Palästinenser nicht zu provozieren, dürfte sich die Stimmung im Westjordanland weiter aufheizen. So wurde in der Nähe von Hebron ein israelisches Auto beschossen, vermutlich von palästinensischen Schützen. Dabei seien zwei Israelis leicht verletzt worden, unter ihnen eine schwangere Frau. Zudem erneuerte die im Gaza-Streifen herrschende Hamas-Organisation ihre Forderung nach einem sofortigen Abbruch der Gespräche. "Die beste palästinensische Antwort auf die Starrköpfigkeit Netanjahus ist es, dass Abbas sich von den Verhandlungen zurückzieht und ihr Ende verkündet", sagte deren Sprecher Fausi Barhum.