Deutsche Außenpolitik hat viel mit Angst zu tun. Wir fürchten uns: nicht vor Atomraketen oder fremden Armeen, sondern vor Menschen, die nach Deutschland wollen. Ob sie als Flüchtlinge, Investoren, Familiennachzügler, Touristen oder Studenten kommen – die deutschen Innenbehörden beargwöhnen viele, die Einlass nach Deutschland begehren. Zumal, wenn sie aus muslimischen Ländern kommen.

Das wird jedem sofort klar, der einmal die Schlangen vor den deutschen Konsulaten in Istanbul und Ankara, aber auch in Kairo oder Kabul gesehen hat. Die deutschen Ausländerämter sind noch unwirtlicher. Man gewinnt den Eindruck: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Muslim unbefugt nach Deutschland einreist.

Wenn der deutsche Innenminister Thomas de Maizière heute in die Türkei reist, wird er diesen Eindruck sicherlich zerstreuen wollen. Er wird dafür gute Argumente mitbringen müssen. Denn in der Türkei wird ihm eine Rechnung präsentiert, die man sich in der deutschen Debatte um den Schutz der Grenzen nicht so klar macht: die Kosten der Angst.

Diese Bilanz hat kurz vor de Maizières Besuch die Deutsch-Türkische Industrie- und Handelskammer eröffnet. Es geht um das Visumproblem. Für Deutsche stellt es sich nicht. Sie kaufen sich ein Ticket, fliegen in die Türkei, bekommen einen Stempel bei der Einreise – und sind drin, für drei Monate. Nicht so für den türkischen Geschäftspartner. Er wartet nicht selten mehrere Monate auf einen Termin für die Abgabe seiner Papiere im Konsulat.

Für den Visumantrag verlangt die deutsche Botschaft auf ihrer Netzseite 21 (!) Anlagen, Beglaubigungen, Dokumente und bestempeltes Papier, als ginge es darum, das Millionenerbe einer reichen Großtante anzutreten. Hier aber muss bezahlt werden: sechzig Euro. Die Termine werden immer mehr von privaten Firmen vergeben, anonyme Callcenter übernehmen. Die Ablehnungsrate der Konsulate ist hoch, fast 13 Prozent der Antragsteller haben umsonst Papiere gesammelt. So wird der Visa-Antrag zum erheblichen Geschäftshindernis.

In anderen Ländern der Region ist es ähnlich. In Kairo, in Amman, in Riad – überall haben deutsche Konsulate auf den Druck der deutschen Innenbehörden die Hürden für einen Deutschlandbesuch hochgelegt. Der Ärger ist groß. Da gibt es Ägypter, die die deutsche Schule Kairo absolviert haben, heute eine Fabrik besitzen und jahrelang Maschinen in Deutschland gekauft haben. Plötzlich bekamen sie kein Visum mehr für Deutschland. Da gibt es Türken, die auf der deutschen Schule Istanbul waren, sich schon oft in Deutschland aufhielten, dort investieren wollen und sich ihr Schengen-Visum dafür über das griechische Konsulat holen, weil es einfacher geht.

"Was kümmert's die Deutschen?", könnte man in Berlin denken. Solange wir selbst reisen und exportieren können, gibt es eigentlich keinen "Handlungsbedarf". Irrtum. Denn die Kosten der Angst lassen sich allmählich beziffern. Deutschland war lange Jahre der wichtigste Lieferant der Türkei. Die Deutsch-Türkische Handelskammer rechnet vor, dass Deutschland beim Wachstum mittlerweile auf den dritten Platz der Importeure abgerutscht ist. Der deutsche Marktanteil in der Türkei sinkt. Türkische Investitionen in Deutschland stagnieren.