Neun Jahre ist es her, dass Terroristen zwei Flugzeuge ins World Trade Center steuerten und mehr als 3000 Menschen töteten. Ein Kind, das damals geboren wurde, kann heute schon ins Gymnasium gehen. Für die verletzte Seelen Amerikas aber bedeutet diese Zeit nichts.

Man kann das beobachten, wenn sich die Sprecher der Angehörigen jener Toten gegen alles wehren, was den Ort des Massenmordes in mehr verwandelt als eine monumentale Grabstätte. Wenn sie gegen jedes Detail der im Bau befindlichen Gedenkstätte und des Museums kämpfen, das die fürchterlichen Anschläge in den historischen Kontext stellt. Wenn sie am liebsten sogar verhindern wollen, dass die Namen der Attentäter genannt werden, aus Angst, diejenigen der Opfer würden dahinter zurückfallen. Es ist, als riefen sie: Der 11. September ist doch gerade erst passiert!

In diesem Schrei drückt sich noch immer das Trauma aus, das ganz Amerika durch die Anschläge erfahren hat. Dennoch ist das Gedenken am Ground Zero längst in eine Übergangszeit eingetreten. Mit jedem Stein, der die Neubauten dort wachsen lässt, lässt das kollektive Trauma nach und nach Geschichte werden. Es entfernt sich vom Leid der vielen einzelnen Schicksale und sucht nach Deutung, nach Einordnung in die nationale Historie.

Dieser Übergang schmerzt. Vielleicht lassen sich viele Amerikaner auch deshalb so übermäßig von einem geplanten islamischen Gemeindehauses zwei Blocks weiter provozieren. Diese Wut kann man nicht einfach abtun; man muss sie anerkennen. Und man muss den Blick wieder auf die Ursache lenken. Die immer noch brennende Wunde verschorft erst, ist aber längst nicht vernarbt. Hier am Ground Zero müssen sich das Land und seine Einwohner auf eine gemeinsame Erzählung davon einigen, welchen Platz der 11. September im Selbstverständnis einer Nation einnimmt, die sich auf Toleranz und Freiheit gründet. Das kostet Zeit, weit mehr als neun Jahre. Aber am Ende kann der Ort mit seinen neuen Gebäuden als Symbol der Selbstvergewisserung der eigenen Werte stehen – sichtbar als Narbe, aber sauber verheilt.