Die spannende Frage schien nicht so sehr, ob, sondern in welcher Höhe seine sozialistische Partei siegen würde: Venezuelas Präsident Hugo Chávez hatte vor der Parlamentswahl am Sonntag als Ziel die Zweidrittel-Mehrheit ausgegeben. Daraus ist nichts geworden. Die vereint angetretene Opposition erzielte mehr Mandate als in Umfragen vorausgesagt und kann in der künftigen Nationalversammlung wichtige Personalien und Gesetzesvorhaben des Revolutionsführers blockieren.

Acht Stunden mussten die 28 Millionen Venezolaner in der Nacht zu Montag warten, bis die Chefin der Wahlbehörde CNE, Tibisay Lucena, um zwei Uhr morgens endlich die vorläufigen Wahlergebnisse verlas. Im neuen Parlament stehen sich demnach 96 Abgeordnete der Chávez-Partei PSUV 61 Vertretern des Oppositionsblocks sowie zwei Mitgliedern der kleinen Linkspartei PPT gegenüber. Für sechs der insgesamt 165 Mandate war die Auszählung noch nicht abgeschlossen.

"Venezuela hat wieder ein pluralistisches Parlament", freute sich der Sprecher des Oppositionsbündnisses "Mesa de Unidad" ("Tisch der Einheit"), Ramón Guillermo Aveledo. Zu Recht. Denn nach fünf Jahren außerparlamentarischer Opposition haben die Chávez-Kritiker künftig wieder ein Mitspracherecht in der Legislative. Die letzte Parlamentswahl im Jahr 2005 hatten sie aus Angst vor Stimmenfälschung boykottiert. Ein Fehler. Bei einer Enthaltung von 75 Prozent sicherten sich die PSUV und mehrere kleinere Koalitionspartner die vollständige Kontrolle über das Parlament.

Das jetzige Wahlresultat zeigt, dass Chávez weiter die dominante Figur in Venezuelas Politik bleibt, seine Ausstrahlungskraft aber Grenzen hat. Wie bei jeder Abstimmung seit seinem ersten Wahlsieg 1998 hatte der vor allem in der Unterschicht populäre Politiker das Votum zu einer Abstimmung über seine Person gemacht. Doch wächst neuerdings auch unter politisch unabhängigen Wählern die Zahl derer, die nicht glaubt, dass die von Korruptionsvorwürfen überschattete Chávez-Riege die drängenden Probleme des Landes wie steigende Kriminalitätsraten und wirtschaftliche Rezession lösen kann.

Der Präsident feierte den Wahlerfolg nicht wie üblich vor seinem Amtssitz Miraflores mit seinen Anhängern, sondern begnügte sich mit mehreren über Twitter verbreiteten Botschaften. "Die Revolution habe einen soliden Sieg errungen", nun müsse der Sozialismus weiter ausgebaut werden, schrieb er darin. Seine Partei habe die Zweidrittel-Mehrheit verfehlt, räumte PSUV-Wahlkampfchef Aristóbulo Isturiz ein, sei aber als stärkste politische Kraft Venezuelas bestätigt worden.

Dasselbe Attribut beansprucht allerdings auch die Opposition. Sie errang nach eigenen Angaben insgesamt 52 Prozent der Stimmen und stellt dennoch weniger Abgeordnete als die PSUV. Das Wahlsystem bevorzugt die bevölkerungsarmen ländlichen Bundesstaaten, dort, wo Chávez seine Hochburgen hat. So wählen die 163.000 Einwohner des abgelegenen Orinoko-Bundesstaates Delta Amacuro vier Parlamentarier. Die zentrale Region Miranda hat im Vergleich 18-mal so viele Einwohner, entsendet aber nur die dreifache Anzahl, insgesamt zwölf Abgeordnete ins Parlament. In kluger Voraussicht hatte der fähige Politstratege Chávez zudem Anfang des Jahres den Zuschnitt einer Reihe von Wahlkreisen verändern lassen, was seinen Kandidaten zu Gute kam.

Auf dem Höhepunkt von Chávez Beliebtheit, nach seiner Wiederwahl 2006, hatte er die Radikalisierung seines "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" angekündigt. Die von ihm angestrebte Mehrheit von 110 Mandaten hätte dem Machtpolitiker wie bisher die alleinige Kontrolle über die Besetzung des Obersten Gerichts und der Wahlbehörde erlaubt. Die Opposition kann da nun künftig ein Wörtchen mitreden. Doch kann es für sie nach Meinung von Experten aber auch noch ein böses Erwachen geben.