Im Stadtzentrum von Salvador de Bahia im Nordosten Brasiliens ist es heiß und laut wie in einem Fußballstadion. Tausende sind zum historischen Praça Castro Alves gekommen, um ihren Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva hautnah zu erleben. Es herrscht Volksfeststimmung. Immer wieder übertönen "Lula-Lula"-Rufe die Ansprachen. Im Hintergrund werden Feuerwerke gezündet. "Hier ist die künftige Präsidentin unseres Landes. Hier ist companheira Dilma, die Geschichte schreiben wird", ruft Lula mit heiserer Stimme aus.

An seiner Seite steht Dilma Rousseff, die Favoritin im Präsidentschaftswahlkampf. "Die Zeit ist gekommen, dass Brasilien von einer Frau regiert wird", sagt sie unter dem Jubel ihrer Anhänger. Es ist wie ein Heimspiel. Im Nordosten, dem Armenhaus Brasiliens, konnte Lula da Silva regelmäßig seine besten Wahlergebnisse einfahren.

Rousseff hat gute Chancen, als erste Frau das fünftgrößte Land der Welt zu regieren. Die 62-jährige studierte Wirtschaftswissenschaftlerin führte bislang die meisten Umfragen mit knapp 50 Prozent der Stimmen an und könnte damit im ersten Wahlgang gewinnen. Der konservative Herausforderer José Serra, Gouverneur des größten Bundesstaates São Paulo, von der sozialdemokratischen Partei PSDB, kommt auf nur auf 28 Prozentpunkte. Erst zuletzt fiel Rousseff zurück: 46 Prozent ergab die Umfrage, Serra blieb stabil, aber Marina Silva, Ex-Umweltministerin und Kandidatin der Grünen, liegt nun bei 14 Prozent. Damit steigt immerhin die Chance auf eine Stichwahl.

Der populäre Lula, der sich auch nach acht Regierungsjahren über sehr hohe Sympathiewerte freuen kann, hatte seine Favoritin Rousseff im Alleingang an der Arbeiterpartei PT vorbei durchgesetzt. Als Präsidialamtsministerin war sie seine engste Vertraute und koordinierte die Arbeit der Regierungsmannschaft. Im Wahlkampf schwimmt sie jetzt auf seiner Popularitätswelle.

"Das Rezept für Dilma ist ganz einfach. Sie muss nur die Menschen überzeugen, dass sie Lula repräsentiert", sagt Marcos Coimbra vom Meinungsforschungsinstitut Vox Populi in Porto Alegre zu den hohen Sympathiewerten für die eher spröde Rousseff. Unter der Regierung Lula da Silva hat Brasilien einen Aufschwung von durchschnittlich vier Prozent Wirtschaftswachstum jährlich erlebt. Aus der Weltwirtschaftskrise ist die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas ohne größere Blessuren herausgekommen.

Die Armut ist seit 2002 offiziellen Zahlen zufolge um rund 43 Prozent gesunken, vor allem dank des von der Regierung Lula ausgebauten umfangreichen Sozialprogramms bolsa familia. "Am Ende meiner Regierungszeit soll jeder Brasilianer ein Frühstück, ein Mittag- und ein Abendessen erhalten", verkündete Lula da Silva 2002. Inzwischen profitieren rund 47 Millionen Menschen und damit etwa ein Viertel der Bevölkerung von den staatlichen Leistungen. Vor allem im bitterarmen Nordosten hat sich die Lebenssituation von Millionen Menschen dadurch spürbar verbessert.

Als Bedingung, damit die bedürftigen Familien den staatlichen Zuschuss von bis zu 50 Euro monatlich erhalten, müssen sie ihre Kinder in die Schule schicken und regelmäßig impfen lassen. Außerdem hat die Regierung Lula da Silva den Mindestlohn regelmäßig auf aktuell 510 Reais (221 Euro) erhöht und damit mehr als verdoppelt.

Dilma Rousseff musste Volksnähe lernen

"Die Menschen wollen Kontinuität. Es gibt keine Wechselstimmung", sagt Meinungsforscher Marcos Coimbra. Der Politikwissenschaftler an der Universität São Paulo, André Singer, erklärt Rousseffs Popularität mit dem Phänomen des "Lulismo". Vor allem den Menschen mit den geringsten Einkommen sei es unter Lula da Silva wirtschaftlich besser gegangen. "Sie verbinden ihren persönlichen Aufstieg mit Lula", sagt Singer.

In den vergangenen sechs Monaten wurden die Brasilianer Zeugen eines erstaunlichen Imagewandels von Rousseff, die bislang nicht durch Volksnähe und Charisma wie ihr politischer Ziehvater aufgefallen war. Gefürchtet unter Kabinettskollegen war ihr oftmals "explosives Auftreten". Auch im Umgang mit der eigenen Partei ließ sie oft Fingerspitzengefühl vermissen. Darauf angesprochen, erwidert sie: "Nicht ich bin schwierig, sondern meine Aufgabe ist es."

Jetzt hat Rousseff nicht nur einen optischen Wandel vorgelegt. Sie tritt in legerer Kleidung und modernem Kurzhaarschnitt auf. Ihre Brille tauschte sie gegen Kontaktlinsen und ließ ein Augenlifting vornehmen, wie sie selbst zugab. In Talkshows sieht man die Kandidatin jetzt lächeln und charmant auf kritische Fragen antworten.