Mehr als 135 Millionen Brasilianer sind aufgerufen, über die Nachfolge von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva zu entscheiden. Das im Volk äußerst beliebte Staatsoberhaupt darf laut Verfassung nach zwei Amtszeiten in Folge nicht mehr antreten – vorerst. Einen Bruch in der brasilianischen Politik braucht er trotzdem nicht zu befürchten: Lulas Favoritin, die Ex-Kabinettschefin Dilma Rousseff , liegt in Umfragen deutlich vor ihrem konservativen Herausforderer, São Paulos Ex-Gouverneur José Serra. Laut Umfragen hat Rousseff sogar Chancen, im ersten Wahlgang mehr als 50 Prozent der Stimmen zu erhalten. Die Tochter eines bulgarischen Einwanderers wäre dann die erste Präsidentin Brasiliens.

Enthüllungen über einen Korruptionsskandal in Lulas Arbeiterpartei könnten Rousseff allerdings einige Stimmen kosten und die 62-Jährige doch noch in eine Stichwahl gegen ihren Konkurrenten Serra zwingen. Für diesen Fall ist bereits der 31. Oktober als Termin angesetzt. 

Im Wahlkampf hat Rousseff vor allem von der beispiellosen Popularität ihres politischen Ziehvaters profitiert: Der frühere Gewerkschaftsführer Lula hat in den vergangenen acht Jahren mit einer marktwirtschaftlich orientierten Politik Brasilien enorme Wachstumsraten von zuletzt über acht Prozent beschert. Zudem hat Lula mit Sozialprogrammen Millionen Bürger aus der Armut befreit und die Mittelschicht gestärkt. Da er nach zwei Amtszeiten vorerst abtreten muss, soll nun seine frühere Stabschefin und Energieministerin Rousseff das Ruder übernehmen. Rousseff hatte im Wahlkampf immer wieder betont, Lulas Politik fortsetzen zu wollen. Am vergangenen Donnerstag rief sie im letzten TV-Duell der Kandidaten: "Ich bin bereit. Mein Ziel ist es, Brasilien zu einem Industrieland zu machen."

Offiziell übergibt Lula das Amt am 1. Januar 2011 ab. Zu den größten Herausforderungen der kommenden Jahre gehören der Kampf gegen Gewalt und Korruption in dem Land sowie die Verbesserung des Bildungs- und des Gesundheitssystems. Außerdem muss sich Brasilien für zwei Megaereignisse vorbereiten: 2014 findet hier die Fußball-Weltmeisterschaft statt, zwei Jahre später richtet das Land die Olympischen Spiele aus.

Das letzten Wahllokale sollten um 23 Uhr MESZ schließen. Das Ergebnis wird noch in der Nacht zum Montag erwartet. Von den insgesamt neun Präsidentschaftskandidaten kann neben Rousseff und Serra nur Ex-Umweltministerin Marina Silva mit einem zweistelligen Ergebnis rechnen. Gewählt werden neben dem Staatsoberhaupt zudem alle 513 Abgeordneten des Bundesparlamentes, 54 von 81 Senatoren, alle Gouverneure der 26 Bundesstaaten und des Hauptstadt-Distriktes Brasília sowie alle Regionalparlamente.