ZEIT ONLINE: Herr Xu, die Ehefrau des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo steht unter Hausarrest, Aktivisten werden verhört, manche sind festgenommen worden. Hat die Preisvergabe nun zunächst negative Folgen für Chinas Dissidenten?

Xu: Vieles war sicherlich vorauszusehen. Aber ich habe die Wut der Regierung dennoch unterschätzt. Wir waren am Samstagabend mit 20 Leuten zusammen essen, auch Cui Weiping (Kulturkritikerin und Professorin der Pekinger Filmakademie, Anmerkung der Redaktion) war dabei. Sieben sogenannte Sicherheitsbeamte ihrer Universität kamen in das Restaurant und forderten sie auf, nach Hause zu gehen. Wir haben einfach nur zusammen gegessen, keinerlei Sitzung abgehalten, demonstriert oder sonst etwas. Das ist sehr merkwürdig, sehr irrational.

ZEIT ONLINE: Warum reagiert Chinas Regierung so?

Xu: Die Regierung ist nicht selbstbewusst. Deshalb hat sie das Gefühl, dass jede Aktion eine Gefahr für sie sein könnte. Auch hat sie überhaupt kein Rechtsbewusstsein. Normalerweise braucht jeder irgendeinen Grund oder eine Ausrede für sein Handeln, aber sie braucht das nicht.

ZEIT ONLINE: Liu Xiaobo gilt ja als Brückenbauer unter den chinesischen regimekritischen Intellektuellen, die sich nicht immer einig sind. Was sind die großen Streitpunkte?

Xu: Es gibt, grob gesagt, drei Fraktionen, die sich aus der unterschiedlichen Beurteilung der Gesamtlage Chinas ergeben. Zum einen die Liberalisten, zu denen ich gehöre, die sich eine konstitutionelle Demokratie wünschen. Die neue Linke macht hauptsächlich den Kapitalismus für Chinas Probleme verantwortlich. Die Nationalisten bauen auf Chinas Traditionen. Teilweise stehen sie damit der Regierung nahe, denn die will zum Beispiel hierarchische Konzepte des Konfuzianismus nutzen, um ihre Herrschaft zu stützen. Aber in anderen Punkten stimmen die Nationalisten auch mit uns Liberalen überein. Die "Charta 08" wurde hauptsächlich von den neuen Linken als zu liberal kritisiert.

ZEIT ONLINE: Sie ist also noch kein Grundsatzdokument, das breiten Konsens findet?

Xu: Die Charta hat schon sehr viele Meinungen berücksichtigt. Sicherlich ist sie nicht perfekt. Es gab ja auch keine Möglichkeit, sie offen zu diskutieren. Eine Frage, die nicht nur, aber auch bei dem Entwurf der Charta noch viele Kontroversen geweckt hat, ist das Thema Versöhnung. Ich finde Versöhnung sehr wichtig, aber sie darf zumindest jetzt auch noch nicht überbewertet werden. Das wäre lächerlich. Denn die Voraussetzung dafür ist, dass das Gegenüber – die Regierung – einen als Gesprächspartner anerkennt. Jetzt sind wir für die Regierung niemand, mit wem sollen wir uns versöhnen?