Erst Orly, Nantes und Clermont-Ferrand, jetzt Marseille: Am Donnerstag haben etwa 500 Hafenarbeiter zusammen mit anderen Beschäftigten den Zugang zum Flughafen der südfranzösischen Metropole blockiert. Sie besetzten unter anderem einen Kreisverkehr auf dem Gelände des Airports, der ein wichtiges Drehkreuz für inländische und internationale Verbindungen zwischen Europa und Afrika ist. Zahlreiche Reisende ließen ihre Autos am Straßenrand stehen, um zu Fuß zum Flughafen zu gelangen. Zunächst aber wurden keine Flüge gestrichen.

Damit werden die massiven Streiks und Proteste gegen die umstrittene Rentenreform der Regierung von Präsident Nicolas Sarkozy unvermindert fortgesetzt. Betroffen sind neben dem Flug-  auch der Auto- und Bahnverkehr. Pendler berichten zwar inzwischen von leichten Verbesserungen, doch noch immer fällt jeder vierte Zug aus. Lkw-Fahrer behinderten am Mittwoch wichtige Verkehrsachsen, Autofahrer konnten nur im Schritttempo passieren. Auf dem zweitgrößten Pariser Flughafen Orly fiel etwa ein Viertel aller Flüge aus.

Auch die Benzinversorgung des Landes ist weiterhin eingeschränkt . Nach Angaben des Umweltministeriums waren Donnerstag noch immer mindestens 14 Benzindepots blockiert. Betroffen sind auch zahlreiche deutsche Touristen, die die Herbstferien in Frankreich verbringen. Franzosen in grenznahen Gebieten weichen zum Volltanken nach Deutschland oder in andere Nachbarländer aus. Ein Viertel der Tankstellen habe kein Benzin, der Rest sei wenigstens teilweise versorgt. Schwierig ist die Lage nach wie vor im Großraum Paris. Nun soll die Polizei die besetzten Raffinerien und Depots räumen. Dies hatte Sarkozy nach einer Kabinettssitzung im Elysee-Palast angekündigt.

In Lyon und im Pariser Vorort Nanterre kam es am Rande von Demonstrationen erneut zu Ausschreitungen zwischen Jugendlichen und Sicherheitskräften – für Wirtschaftsministerin Christine Lagarde ist dies "schlimm" für das Bild Frankreichs im Ausland. "Ich appelliere vor allem an die Vernunft derjenigen, denen es Spaß macht, Blockaden zu errichten oder etwas zu zerstören", sagte sie und sprach von einem "moralischen Schaden" für das Land. Das Demonstrationsrecht sei "kein Recht auf Zerstörung". Innerhalb einer Woche sind landesweit knapp 1400 mutmaßliche Randalierer festgenommen worden.

Die Regierung hofft noch immer darauf, dass mit Beginn der Herbstferien an diesem Wochenende die Proteste abebben. Doch eine Entspannung ist nicht in Sicht. Der Chef des Gewerkschaftsbundes CGT, Bernard Thibault, rief in einem Radio-Interview zu neuen Streiks in der kommenden Woche auf. Es gebe keinen Grund damit aufzuhören, sagte er. Am Donnerstagnachmittag wolle man entscheiden, ob und wann es in der nächsten Woche landesweite Proteste gibt.

Gerichtet ist der Aufruhr gegen Sarkozys bislang ehrgeizigstes innenpolitisches Projekt , das die Anhebung des Renteneintrittsalters von 60 auf 62 Jahren vorsieht. Trotz der Massenproteste will das konservative Lager die Pläne weder ändern oder gar stoppen.

Frühestens an diesem Abend, spätestens am Wochenende will auch der Senat, die zweite Parlamentskammer, das Gesetz verabschieden. Eine Verschiebung der Abstimmung ist dennoch wahrscheinlich. Abgeordnete der Opposition brachten Anträge mit Hunderten Zusätzen ein und forderten eine neue Debatte über das Vorhaben. Geplant ist, dass die Nationalversammlung, die bereits zugestimmt hat, die Reform am kommenden Mittwoch noch einmal endgültig billigt.