Die auf dem Weg in die USA abgefangenen Paketbomben haben Deutschland in größere Gefahr gebracht als zunächst angenommen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière bestätigte am Sonntag, dass das in England sichergestellte Paket am Flughafen Köln/Bonn umgeladen worden war. "Die Umstände deuten nicht darauf hin, dass Deutschland das Ziel des Anschlages sein sollte", fügte er hinzu. Rückschlüsse auf die Gefährdungslage könne man aus den vereitelten Anschlägen nicht ziehen.

Dennoch sagte der Minister eine für Sonntag geplante Nahost-Reise ab. Nach Angaben des britischen Premiers, David Cameron, sollte die Bombe noch im Flugzeug explodieren. Das hätte auch über Deutschland der Fall sein können. "Ein Paket, das im Jemen auf den Weg gebracht wurde, in Deutschland und dann in Großbritannien landete und für Amerika bestimmt war; das zeigt, wie stark wir zusammenstehen, und wie entschlossen wir sein müssen, um den Terrorismus zu besiegen", sagte Cameron vor einem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel. Beide Regierungschefs bekräftigten in ihrem Gespräch, auch künftig eng bei der Abwehr von Terrorgefahren zusammenarbeiten zu wollen.

De Maizière gestand Sicherheitslücken ein. "Die Luftfracht wurde bisher relativ wenig kontrolliert", sagte der Minister. Es habe wenig Hinweise auf mögliche Anschläge per Fracht gegeben, und international hätten sich die Kontrollen sehr stark auf den Personenverkehr konzentriert. "Das ist offenbar jetzt erkannt und ausgenutzt worden." Zugleich wies de Maizière darauf hin, dass das Bundeskriminalamt den entscheidenden Hinweis für den Bombenfund auf dem britischen Flughafen East Midlands gegeben habe. Auch in Dubai war ein Sprengstoffpaket aus dem Jemen gefunden worden.

Der Luftverkehrsexperte Elmar Giemulla sagte, die Kontrollen der Luftfracht in Ländern wie Großbritannien, USA und Deutschland seien zwar "stabil". Doch für die Sicherheit der Fracht sind vor allem die Ursprungsflughäfen zuständig. "Es gibt natürlich Länder, da gibt es Sicherheitslücken", erklärte der Professor für Luftrecht an der Technischen Universität Berlin. "Da gibt es zwar Vorschriften, die werden aber nicht so richtig beachtet." Deshalb sei ein weltweit einheitliches Sicherheitssystem für die Luftfracht notwendig.

Als erste Konsequenz der vereitelten Anschläge wurde in Abstimmung mit den USA, Großbritannien und Frankreich der Frachtverkehr aus dem Jemen gestoppt. Die noch in Deutschland lagernden Pakete aus dem südarabischen Land wurden verstärkt überprüft. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnte vor weiteren Sicherheitslücken. Bei der für den Luftverkehr zuständigen Bundespolizei sollten laut Haushaltsbeschluss bis 2014 insgesamt tausend Stellen gestrichen werden, sagte ihr Vorsitzender Konrad Freiberg dem Hamburger Abendblatt (Montagsausgabe). "Das ist ... kein Beitrag zur Bekämpfung der Terrorgefahr."

Die beiden mit den Paketdienstleistern UPS und FedEx verschickten Sprengsätze werden der al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel zugeschrieben. Die Pakete waren an jüdische Einrichtungen in Chicago adressiert. In den USA wurden nach der Entdeckung wenige Tage vor den Kongresswahlen am Dienstag die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Präsident Barack Obama sprach von einer "glaubhaften terroristischen Bedrohung". Zunächst hatten US-Behörden nicht ausgeschlossen, dass die Pakete benutzt wurden, um die Sicherheitskontrollen zu testen.

Auf der Suche nach den Drahtziehern der vereitelten Paketbomben-Anschläge konzentriert sich das Augenmerk der US-Behörden auf einen führenden saudischen Extremisten. Ein Vertreter der US-Regierung sagte, Ibrahim Hassan al-Asiri sei ein Hauptverdächtiger aufgrund seiner Erfahrung mit Sprengstoffen. Er arbeite vermutlich mit dem Ableger des Extremistennetzes al-Qaida im Jemen zusammen.