Carl Paladino war noch nie für sein Fingerspitzengefühl bekannt. Der Tea-Party-Kandidat für das Amt des Gouverneurs von New York verschickte in der Vergangenheit E-Mails mit rassistischen Witzen über Obama an Freunde, sandte via Internet Pornos an seine Mitarbeiter und lieferte sich in der vergangenen Woche sogar eine Prügelei mit einem Reporter.

Seinen bislang unsensibelsten Moment hatte Paladino, der erste Gouverneurskandidat der erzkonservativen Bewegung in den USA, jedoch am vergangenen Sonntag. Bei einer Rede vor orthodoxen Juden in Brooklyn erging er sich in eine wahrhafte Tirade gegen Homosexuelle. "Ich will nicht, dass Ihre und meine Kinder aufwachsen und glauben, dass eine gleichgeschlechtliche Verbindung eine legitime Option ist. Es ist einfach keine Option", kommentierte er.

Um die gleichgeschlechtliche Ehe wird seit Jahren in den USA erbittert gerungen. In sechs Staaten ist sie legal, in zahlreichen anderen stehen Gerichtsurteile aus, ob ihr Verbot verfassungsgerecht ist. Die Obama-Regierung betrachtet das Thema als Sache der Einzelstaaten, und somit auch als Causa des zukünftigen Gouverneurs von New York. Paladino hat offenkundig vor, das Thema zu einem zentralen Thema seines Wahlkampfs zu machen. Am 2. November stimmen die New Yorker über ihren neuen Gouverneur ab.

Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass New York, einst neben San Francisco die Hochburg der Toleranz schlechthin, derzeit von einer Welle anti-homosexueller Gewalt heimgesucht wird. Am Wochenende wurden neun Angehörige einer Straßengang einem Richter vorgeführt. Sie hatten in einer leeren Wohnung in der Bronx schwule Teenager stundenlang misshandelt. Die Teenager wurden mit Teppichmessern schwer verletzt, mit Baseballschlägern geprügelt, man drückte ihnen Zigaretten auf den Geschlechtsteilen aus und vergewaltigte sie schließlich mit dem Stiel eines Gummistampfers.

Nur eine Woche zuvor wurde in einer Schwulenbar auf der Christopher Street, dem Geburtsort der amerikanischen Schwulenbewegung, ein Mann in einer Toilette schwer zusammen geschlagen. Die Angreifer hatten ihn vorher gefragt, ob dies eine Homosexuellen-Kneipe sei. Als er ja sagte, prügelten sie auf ihn ein. Kurz zuvor hatte sich ein homosexueller Student von der George Washington Bridge in Manhattan gestürzt, nachdem Kommilitonen ihn beim Sex gefilmt und das Video veröffentlicht hatten. Er hatte die Scham über sein erzwungenes Outing nicht ertragen können.

Die Vorfälle zeigen ein Ausmaß der Homophobie, das man in den USA und speziell in New York eigentlich seit Langem überwunden glaubte. Tea-Party-Kandidaten wie Paladino scheinen sich diese Stimmung zunutze machen zu wollen. Lautstarke Proteste aus der republikanischen Partei, die derzeit vom erstaunlichen Erfolg ihrer Tea-Party-Mitglieder profitiert, gab es gegen Paladinos Bemerkungen bislang nicht. Lediglich eine Gruppierung homosexueller Konservativer verurteilte in einem Statement dessen Haltung.

Wenn der Protest der republikanischen Partei weiterhin unterbleibt, könnte es dem deftigen New Yorker gelingen, die Schwulenehe auf die nationale Tagesordnung des Herbstwahlkampfes zu setzen. Das wäre ein taktisches Novum der Tea Party und des rechten Flügels der Republikaner. Bisher haben sie es sorgsam vermieden, sogenannte soziale Themen wie Abtreibung, rassische Gleichberechtigung und Schwulenehe zu diskutieren. Man glaubte diese Themen hätten bei der Wahl 2008 den Republikanern geschadet und wollte sich deshalb voll und ganz auf Wirtschaftsthemen konzentrieren.
 
In Washington harrt derweil ein Gesetzesentwurf der Obama Regierung, der Homosexuelle im Militär gleichstellen würde, der Verabschiedung. In der ersten Runde gelang es den republikanischen Senatoren, das Gesetz zu blockieren. Bis Dezember soll ein neues Gutachten dazu erstellt werden, auf dessen Grundlage erneut debattiert wird. Im derzeitigen politischen Klima, stehen die Chancen für dieses Gesetz allerdings wohl nicht sonderlich gut. Und nach der Kongresswahl im November, bei der Dutzende Tea-Party-Kandidaten zur Wahl stehen, wird es sicherlich nicht besser.