Sechs Monate nach der Explosion auf der BP-Bohrplattform Deepwater Horizon werfen Experten der US-Regierung schwere Versäumnisse vor: Obamas Stäbe hätten zu Beginn der Ölpest im Golf von Mexiko das Ausmaß der Katastrophe sträflich unterschätzt. "Das Vertrauen der Öffentlichkeit" in die Gegenmaßnahmen der Behörden wären so untergraben worden. Das Krisenmanagement sei verwirrend gewesen, zitiert die Washington Post aus einem Bericht, der von Präsident Obama eingesetzten Expertenkommission. Sie soll die größte marine Ölkatastrophe in der Geschichte untersuchen.

Die Regierung in Washington habe den "Eindruck erweckt, dass sie im Kampf gegen die Ölpest entweder nicht hundertprozentig kompetent ist oder der Bevölkerung nicht die ganze Wahrheit über das Ausmaß des Problems sagt", heißt es in den vier Papieren, die die Kommission veröffentlichte.

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Konkret geht es vor allem um die Menge des austretenden Öls aus dem Bohrloch in 1500 Metern Meerestiefe. Die Behörden hätten in den ersten Tagen nach der Havarie der Bohrinsel keinerlei fundierten Überblick gehabt, schreiben die Autoren. Später habe man sich zwischen einzelnen Behördenstellen darüber gestritten, wie viel man der Öffentlichkeit mitteilen solle. Zu diesem Zeitpunkt sei schon deutlich gewesen, dass große Ölmengen austreten. Die Experten sprachen für ihren Bericht zudem mit mehreren Regierungsvertretern. Hierbei habe sich der Verdacht erhärtet, dass die Küstenwache bei den ersten viel zu niedrigen Schätzungen zum ausgelaufenen Öl einfach die Zahlen des BP-Konzerns übernommen habe.

Auch die Ozeanografiebehörde Noaa sei von anderen Stellen behindert worden. Zwischen Ende Mai und Anfang Juni sollte die Noaa den Ölaustritt "im schlimmstmöglichen Fall" schätzen und einen Bericht dazu veröffentlichen. Während unabhängige Wissenschaftler bereits von einem sehr hohen Ölfluss ausgegangen seien, habe die Regierung auf einer weitaus konservativeren Schätzung von Ende April beharrt – die etwa bei einem Zehntel der endgültigen Zahlen gelegen hätten.

Nach der Explosion der Förderplattform im Golf am 20. April hatte es 87 Tage gedauert, bis der Ölfluss ins Meer gestoppt werden konnte . In der Zeit flossen laut einer im September veröffentlichten wissenschaftlichen Studie 4,4 Millionen Barrel Öl (knapp 700 Millionen Liter) ins Wasser. Über die Menge des verbliebenen Öls gab es verschiedene Untersuchungen. Anfangs hatte die Ozeanografiebehörde verkündet, ein Großteil des Öls sei im Wasser aufgelöst.

Dem widersprachen allerdings Meeresforscher deutlich, ebenfalls vor der eingesetzten Untersuchungskommission. Die Hälfte des Öls sei auf den Tiefseegrund gesunken und bedecke weite Teile des Meeresbodens, sagte Ian MacDonald von der Florida State University . "Das verbliebene Öl ist ein Material, das sich kaum löst." Zudem gebe es nur spärliche Belege, dass ölfressende Bakterien die schmierigen Ablagerungen vertilgen würden. Zu diesem Ergebnis waren auch andere Forscher gekommen.

In einer ersten Reaktion wies das Weiße Haus die neuen Vorwürfe zurück. Der Innenminister Ken Salazar und der Krisenbeauftragte der Regierung, Thad Allen, hätten schon sehr früh darauf hingewiesen, dass die Menge des ausgetretenen Öls die Schätzungen um ein Vielfaches übersteigen könnte. Die Bundesregierung habe "sofort und mit aller Macht" reagiert und sich dabei stets auf "die Wissenschaft" gestützt – und damit BP Schritt für Schritt zum Handeln gezwungen.