Was bedeutet der personalpolitische Gewaltakt des spanischen Ministerpräsidenten? Ist das die Verzweiflungstat eines Regierungschefs, der mit dem Rücken zur Wand steht? Oder genau der personelle Befreiungsschlag, den seine Partei gefordert und das interessierte Politpublikum erwartet hat?

Offenkundig beides. José Luis Rodríguez Zapatero, 50, hat die Umfragen genau studiert, die seiner Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) böse Niederlagen in den nächsten Regional- und Kommunalwahlen prophezeien. Die Schulden- und Arbeitsmarktkrise und die notwendigen sozialpolitischen Sanierungs- und Sparmaßnahmen fordern auch in Spanien ihren Tribut von den Regierenden.

Zapatero, lange ein Zögerer, der optimistisch auf bessere Zeiten oder ein Wunder zu warten schien, hat sich zur Flucht nach vorn entschlossen. "Wir sind nicht Griechenland", sagen die Entscheider in Madrid. Mag sein. Es ist dennoch der Ernstfall.

Der Presidente, wie der Regierungschef in Spanien heißt, handelte nach dem Modell "Klotzen, nicht Kleckern!". Als Signal der Entschlossenheit – Wir stellen uns der Krise! – macht er sich erst an den Umbau der Regierung. Zapatero verabschiedete gleich fünf Minister, darunter seine bisherige Erste Stellvertreterin, María Teresa Fernández de la Vega, ein Urgestein aus den Tagen des legendären Felipe González. Sie hat ihm lange den Rücken frei gehalten, buchstäblich 24 Stunden lang. Nun ist sie am Ende. Ihr Abgang war der einer ausgebrannten alten Frau. Auf sie wartet ein ehrenvoller Posten abseits der Macht.

An ihrer Stelle installierte Zapatero einen anderen Veteranen aus der Schule seines großen Vorbilds González, den Innenminister und früheren Fraktionschef, Alfredo Pérez Rubalcaba. Er ist ein gelernter Chemiker, nach Abschluss seiner Ausbildung studierte er einige Monate an der Universität Konstanz. Bei González war er Bildungs- und Wissenschaftsminister, am Ende – vor dem Machtwechsel 1996 – Chef der Regierungszentrale. Unter Zapatero galt er schon bisher als der starke Mann hinter dem Regierungschef, erst im Parlament, dann als Innenminister. Nun spricht die Tageszeitung El País vom "Kabinett Rubalcaba2". Und nicht wenige sagen, Rubalcaba, der erfahrene und souveräne Krisenmanager, wäre ohnehin der beste Mann, um in Zeiten wie diesen einem mitunter unentschlossen wirkenden Zapatero zur Seite zu stehen, den Rücken zu stärken – und ihn notfalls beiseite zu schieben.

Zwei weitere Neue, der künftige Arbeitsminister Valeriano Gómez, ein Freund der Gewerkschaften, und vor allem der neue Chef der Regierungszentrale, der konfliktfeste Baske Ramón Jáuregui, gelten ebenfalls als erfahrene Politikmanager. Soviel Lob hört man über diese Reservisten, dass man sich fragt, warum Zapatero sie nicht schon längst ins Kabinett geholt hat, zur Not unter Verzicht auf die geradezu ideologische Mann-Frau-Parität, auf die er bei seinen beiden Regierungsbildungen, 2004 und 2008, größten Wert gelegt hatte, auch um den Preis, nicht unbedingt die Besten zu holen.

Dass Zapatero, früher oft als Weichei missverstanden, auch durchaus brutal sein kann, demonstrierte er in dieser Woche mit seinem besonderen Überraschungscoup. Er machte eine Getreue der ersten Stunde, die flotte Trinidad "Trini" Jiménez, zur Außenministerin. Als Gesundheitsministerin war sie keine schlechte Besetzung. Ihr politischer Hauptverdienst aber lag in ihrer seinerzeitigen Rolle als Einfädlerin und Organisatorin der Operation Machtübernahme für Zapatero im Sommer 2000. Irgendwann musste das ja belohnt werden. Der bisherige Außenminister hingegen, der international erfahrene, grundsolide aber zugleich glanzlose Berufsdiplomat Miguel Ángel Moratinos, hatte noch am Wochenende mit Freunden arglos über außenpolitische Pläne und Projekte geplaudert. Von allen Abgelösten war er sicher derjenige, der am wenigsten damit gerechnet hat.